Long Covid sorgt bei vielen Betroffenen für lang anhaltende Beschwerden. Wir haben mit Dr. Astrid Weber, der Leiterin des ambulanten Corona-Kompetenzzentrums in Koblenz gesprochen, das zu den fünf Ankerzentren des Landes gehört.
Frau Dr. Weber, Ihr Zentrum wurde ursprünglich für Corona gegründet. Welche Rolle spielt Long Covid heute noch?
Wir nennen uns immer noch ambulantes Corona-Kompetenzzentrum, obwohl wir mit der akuten Covid-Erkrankung kaum noch zu tun haben. Wir behandeln vielmehr Menschen mit Langzeitfolgen nach Virusinfektionen.
Denn Corona scheint so etwas wie ein Wegbereiter zu sein. Das heißt: Nicht nur Corona kann solche Beschwerden auslösen, sondern auch andere Viren wie Influenza oder Epstein-Barr. Ein Teil der Betroffenen entwickelt dann die schwerste Form: das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS).
Viele denken, Long Covid sei ein Problem aus der Pandemiezeit. Stimmt das noch?
Nein. Wir sehen weiterhin neue Patienten. Ich war erst gestern bei einem jungen Mann zum Hausbesuch, der im vergangenen Herbst einen Virusinfekt hatte. Wir wissen gar nicht genau, welcher Erreger es war. Aber er ist heute schwer an einem postakuten Infektionssyndrom erkrankt.
Woran merken Betroffene, dass es mehr als nur ein normaler Infekt ist?
Normalerweise braucht der Körper zwei bis vier Wochen, um sich von einem Virusinfekt zu erholen. Das ist völlig normal. Wenn jemand nach vier Wochen immer noch extrem erschöpft ist, sich schlecht konzentrieren kann oder nach einer normalen Belastung am nächsten Tag völlig erschöpft ist, sollte man genauer hinschauen. Das nennen wir Belastungsintoleranz. Dann ist es wichtig, sich weiter zu schonen und nicht dagegen anzukämpfen.
Wie unterscheiden sich leichte und schwere Verläufe?
Bei leichteren Formen müssen Patienten vor allem mit ihrer Energie haushalten. Wir sprechen vom „Energie-Akku“. Dazu gehört nicht nur körperliche Belastung, sondern auch geistige oder emotionale. Manche arbeiten dann vorübergehend nur in Teilzeit oder brauchen eine längere Krankschreibung mit späterer Wiedereingliederung. Die schwersten Fälle erfüllen die Kriterien von ME/CFS. Diese Menschen können teilweise kaum noch ihren Alltag bewältigen.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Wir haben verschiedene Ansätze. Bei Konzentrationsproblemen helfen zum Beispiel Ergotherapie oder kognitive Trainingsprogramme. Es gibt auch off-label Medikamente, wie Low-Dose-Naltrexon, das bei einigen Patienten gegen Fatigue und sogenannten „Brain Fog“ hilft. Aber ehrlich gesagt: Den medizinischen Durchbruch haben wir noch nicht. Wir wissen noch nicht genau, was die Krankheit im Körper auslöst.
Manche vermuten hinter den Beschwerden eine psychische Ursache.
Das ist ein großes Missverständnis. Long Covid und ME/CFS sind körperliche Erkrankungen. Natürlich leiden die Patienten psychisch darunter, wenn ihr Leben plötzlich ausgebremst wird. Aber die Ursache ist nicht psychisch! Gerade deshalb ist es wichtig zu wissen: Aktivierende Therapien oder Sprüche wie „sich zusammenzureißen“ können die Situation verschlechtern.
Welche Altersgruppen sind besonders betroffen?
Viele denken sofort an ältere Menschen. Aber der Durchschnitt bei uns liegt bei etwa 40 Jahren. Wir behandeln auch viele junge Erwachsene – und sogar Kinder. Das macht die Situation besonders schwierig, weil Schule, Studium oder Beruf plötzlich nicht mehr möglich sind.
Was würden Sie Menschen raten, um das Risiko zu senken?
Zum einen sollte man Infekte ernst nehmen und sich ausreichend erholen. Zum anderen empfehle ich weiterhin Impfungen gegen Corona und Influenza – vor allem für die Risikogruppen. Studien zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit für Long Covid bei Geimpften um etwa 30 Prozent niedriger ist als bei Ungeimpften. Petra Dettmer
