„ADHS ist eine fortlaufende Erkrankung – man hat sie immer schon als Kind gehabt“, erklärt die Fachärztin im Gespräch. Die Vorstellung, ADHS könne „später dazukommen“, sei falsch. Was sich allerdings verändern könne, sei, wie sichtbar die Symptome sind – und wie gut Betroffene sie kompensieren.
Auffälligkeiten bleiben oft lange unsichtbar
Auffällig ist: Bei Kindern werden deutlich mehr Jungen diagnostiziert. „80 Prozent der Kinder, die eine ADHS-Diagnose bekommen, sind Jungen“, sagt sie. Mädchen fallen viel seltener auf: „Sie sind weder zappelig noch laut, sondern eher innerlich unruhig, schüchtern, können sich gut zusammenreißen.“ In der Statistik der Erwachsenen sind Frauen und Männer dagegen etwa gleich häufig betroffen – viele Frauen erfahren aber erst sehr spät, was mit ihnen los ist.
ADHS ist stark genetisch geprägt: „Jedes zweite Kind einer ADHS-Mutter oder eines ADHS-Vaters bekommt ebenfalls ADHS.“ Trotzdem wird die „Andersartigkeit“, wie es die Ärztin lieber nennt, in vielen Familien kaum wahrgenommen – erst recht, wenn Elternhaus, Schule und Umfeld stützen. Dann bleiben typische Auffälligkeiten wie Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit oder Impulsivität lange unsichtbar.
Späte Diagnosen erklären lange Leidenswege
Die Folgen einer späten Diagnose können gravierend sein. „Rund 80 Prozent der Betroffenen haben mindestens eine Begleiterkrankung – meist Depressionen und Angststörungen.“ Oft werde zunächst nur die Depression behandelt. „Da kommt kein Mensch dahinter, dass das Grundproblem eine ADHS ist“, sagt sie. Typisch seien Lebensläufe mit vielen Schul- und Arbeitsplatzwechseln, Bruch-Erlebnissen, Mobbing, Selbstwertproblemen: „Dieses Scheitern führt in die Depression.“
Wenn Betroffene mit Mitte 40 oder 55 endlich eine Erklärung bekommen, ist die Reaktion oft Erleichterung: „Die meisten sagen: Ich verstehe endlich, warum ich anders bin.“ Allein die Diagnose sei für viele schon entlastend.
Behandlung bedeutet mehr als Medikamente
Therapie heißt dann nicht nur Medikamente. Methylphenidat und ähnliche Stimulanzien gelten als gut wirksam, erfordern aber eine sorgfältige ärztliche Begleitung. Entscheidend ist ein Paket aus Aufklärung, Psychotherapie, Ergotherapie, ADHS-Coaching und Selbsthilfe: „Man lernt, Kalender zu führen, Abläufe zu planen, mit der eigenen Reizoffenheit umzugehen.“
Einen einfachen Selbsttest für zu Hause gebe es nicht, betont die Expertin: „Es gibt keinen Bluttest. Die Anamnese ist extrem wichtig – bis in die Kindheit hinein.“ Zeugnisse, Berichte von Eltern und Freunden, standardisierte Fragebögen und eine sorgfältige Differentialdiagnostik helfen, ADHS von anderen Störungen zu unterscheiden.
Worauf sie hofft? „Dass Kinderärzte und Hausärzte ADHS stärker im Blick haben und besser fortgebildet werden.“ Denn je früher die Diagnose, desto größer die Chance, dass aus der oft schmerzhaften „Andersartigkeit“ tatsächlich das wird, was viele Betroffene sich wünschen: ein persönlicher „Game Changer“ – mit weniger Leidensdruck und mehr gelebten Stärken.
Unruhig, unkonzentriert oder ADHS? Warum die Diagnose bei Erwachsenen oft erst spät gestellt wird

Viele Menschen erhalten die Diagnose ADHS erst im Erwachsenenalter – obwohl die Ursachen meist in der Kindheit liegen. Lange Zeit ging die Medizin davon aus, dass sich ADHS „auswächst“. Heute weiß man: Bei deutlich mehr als der Hälfte der Betroffenen bleibt die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung auch im Erwachsenenalter bestehen.
ADHS wird häufig erst spät erkannt – besonders bei Frauen. Während Jungen häufiger durch Impulsivität, Lautstärke oder motorische Unruhe auffallen, zeigen Mädchen oft andere Symptome. „Sie sind nicht unbedingt zappelig, sondern eher innerlich unruhig, schüchtern und versuchen, sich zusammenzureißen“, erklärt der Arzt. Dadurch bleiben sie in der Schule und im sozialen Umfeld lange unauffällig.
Bleibt ADHS über Jahre unerkannt, entstehen häufig zusätzliche psychische Probleme. „Rund 80 Prozent der Betroffenen entwickeln mindestens eine Begleiterkrankung“, sagt der Mediziner. Am häufigsten seien Depressionen und Angststörungen. Viele Patienten kommen deshalb erst nach einem langen Leidensweg zur Diagnose – oft über eine Behandlung der Depression in einer Tagesklinik oder psychiatrischen Klinik.
Typisch sei eine jahrelange Krankengeschichte. Ein Beispiel aus der Praxis: Eine Patientin erhielt mit 55 Jahren erstmals die ADHS-Diagnose – nachdem sie seit ihrem 35. Lebensjahr wegen Depressionen behandelt worden war. „Als sie die Diagnose bekam, sagte sie: Jetzt verstehe ich endlich, warum ich immer anders war.“
Rückblickend zeigen sich bei vielen Betroffenen ähnliche Lebensmuster: häufige Jobwechsel, Schwierigkeiten in der Schule, impulsives Verhalten oder Probleme mit der Organisation des Alltags. „Manche haben viele Arbeitsstellen hinter sich oder brechen Ausbildungen ab“, so der Arzt. Gleichzeitig gebe es auch erfolgreiche Karrieren – von Schulabbrechern bis zu Hochschulabsolventen.
Hyperfokus verändert den Blick auf Konzentration
Der Name „Aufmerksamkeitsdefizit“ kann irreführend sein. Denn Menschen mit ADHS können sich durchaus stark konzentrieren – allerdings meist nur auf Dinge, die sie wirklich interessieren. Fachleute sprechen vom Hyperfokus: „Wenn ihnen etwas Spaß macht, können sie stundenlang daran arbeiten und sogar vergessen zu essen“, erklärt der Experte. Schwieriger seien monotone Aufgaben oder Arbeitsumgebungen mit vielen Reizen, etwa Großraumbüros. „ADHS-Betroffene nehmen jede Kleinigkeit wahr – jedes Geräusch, jede Bewegung.“
Einen einfachen Test gibt es nicht. „Es gibt keinen Bluttest für ADHS“, sagt der Arzt. Entscheidend sei eine ausführliche Anamnese, die bis in die Kindheit zurückreiche – mit Blick auf Schulzeugnisse, Familiengeschichte und Lebenslauf. Fragebögen können Hinweise liefern, ersetzen aber keine fachliche Diagnostik. „Ein Online-Test reicht nicht aus“, betont der Mediziner.
Wird ADHS erkannt, gibt es verschiedene Therapieansätze. Neben Psychotherapie und Ergotherapie spielen bei vielen Patienten auch Medikamente eine Rolle. Häufig eingesetzt werden Präparate mit dem Wirkstoff Methylphenidat, bekannt etwa unter Handelsnamen wie Ritalin oder Medikinet. „Diese Medikamente wirken bei ADHS sehr gut – bei rund 90 Prozent der Patienten“, sagt der Arzt. Sie könnten die Konzentration verbessern und die innere Unruhe reduzieren. Gleichzeitig werde in Therapien an Strategien für den Alltag gearbeitet, etwa Planung, Zeitmanagement oder Strukturierung von Aufgaben. Fachleute sind sich einig: Je früher ADHS erkannt wird, desto besser sind die Chancen für Betroffene. „Wenn die Störung früh diagnostiziert wird, lassen sich viele Begleiterkrankungen vermeiden oder zumindest abmildern“, sagt der Arzt. „Kinderärzte, Lehrer und Eltern sollten ADHS stärker im Blick haben. Denn mit der richtigen Unterstützung können Betroffene ihre Stärken nutzen – statt jahrelang gegen unsichtbare Hürden anzukämpfen.“ Petra Dettmer
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