Wer greift nach dem WM-Pokal?

Spanien, Frankreich, Argentinien und Co.: Der Favoritencheck

11. Juni 2026
Wer greift nach dem WM-Pokal?

Cristiano Ronaldo verwandelt für Portugal: Auch bei der WM könnte der Superstar noch einmal auf der größten Fußballbühne stehen - als Kapitän, Rekordmann und Fixpunkt seiner Nation. Foto: Denes Erdos/dpa

Manche Mannschaften reisen mit breiter Brust an, andere mit großen Namen – und wieder andere mit genau jener Turnierhärte, die im Sommer den Unterschied machen kann. Der Favoritenkreis ist diesmal groß. Aber nicht jeder, der stark klingt, hält auch dem Druck stand. 

Natürlich führt der Weg zum Titel auch diesmal über den amtierenden Weltmeister. Argentinien reist mit dem Selbstverständnis eines Champions an. Der Triumph von Katar 2022 hat die „Albiceleste“ von einer schweren Last befreit. Lionel Messi hat den einen Pokal gewonnen, der ihm noch fehlte. Ob er 2026 noch einmal die prägende Figur sein kann, ist eine der großen Geschichten dieses Turniers. Klar ist aber auch: Argentinien lebt längst nicht mehr nur von Messi. Die Mannschaft hat Härte, Struktur, Erfahrung – und weiß, wie man enge K.-o.-Spiele übersteht. Genau das ist bei einer WM oft wichtiger als der schönste Fußball.

Ganz oben auf der Liste steht auch Spanien. Der Europameister bringt eine spannende Mischung mit: viel Ballkontrolle, viel Tempo, viele junge Spieler, die schon auf höchstem Niveau gereift sind. Lamine Yamal steht für die neue Frechheit, Pedri für Spielwitz, Rodri für Kontrolle und Balance. Der alte „Tiki-Taka“-Mythos ist Vergangenheit, Spaniens Spiel ist direkter und dynamischer geworden. Wer die Iberer schlagen will, muss laufen, leiden und den Ball in den wenigen eigenen Phasen sehr gut nutzen. Gelingt Spanien der Start ins Turnier, kann diese Mannschaft sehr weit kommen. 

Frankreichs Kader bleibt ein Luxusproblem

Frankreich ist seit Jahren fast immer dabei, wenn es umdie ganz großen Titel geht. Das liegt vor allem an der enormen Tiefe im Kader. Kaum eine Nation kann Ausfälle so gut auffangen. Tempo, Physis, individuelle Klasse – die „Équipe Tricolore“ hat alles, was es für ein langes Turnier braucht. Kylian Mbappé ist der Fixpunkt in der Offensive, dahinter drängen weitere Hochkaräter nach Einsatzzeit. Dazu kommt die Erfahrung aus den vergangenen Endrunden. Frankreich weiß, wie Halbfinale und Finale riechen. Die entscheidende Frage: Findet das Team schnell die richtige Balance zwischen Glanz und Kontrolle? 

Auch England gehört zum engen Kreis der Anwärter. Die „Three Lions“ haben in den vergangenen Jahren gelernt, große Turniere seriöser und reifer anzugehen. Harry Kane steht für Tore und Erfahrung, Jude Bellingham für Wucht und Führungsanspruch, Phil Foden für Kreativität. Spielerisch ist die Auswahl stark besetzt, vor allem in der Offensive. Doch die alte englische Frage bleibt: Hält der Kopf, wenn aus Hoffnung plötzlich Druck wird? Seit 1966 wartet das Mutterland des Fußballs auf den zweiten WM-Titel. Qualität genug wäre da. Nun muss aus Talent endlich Triumph werden. 

Brasilien sucht den alten Zauber

Brasilien darf in keinem Favoritencheck fehlen. Der Rekordweltmeister ist immer mehr als nur ein Teilnehmer – er ist ein Versprechen. Technik, Tempo, Straßenfußball-Gefühl: All das gehört zur DNA der „Seleção“. Aber der ganz große Wurf ist seit 2002 ausgeblieben. Bei den vergangenen Turnieren scheiterte Brasilien oft nicht an fehlender Klasse, sondern an fehlender Stabilität in den entscheidenden Momenten. 2026 soll die nächste Generation beweisen, dass Samba und Sachlichkeit zusammenpassen. 

Portugal zählt ebenfalls zu den Teams, denen niemand gern begegnet. Die Mannschaft ist technisch stark, taktisch flexibel und in der Breite hervorragend besetzt. Bruno Fernandes gibt dem Spiel Ideen, Bernardo Silva die feinen Lösungen, dazu kommen Tempo und Qualität auf fast allen Positionen. Entscheidend wird sein, ob aus den vielen Einzelkönnern ein echtes Turnierteam entsteht. Denn bei einer WM gewinnt selten die beste Elf auf dem Papier – sondern die, die im richtigen Moment zusammenrückt. 

Deutschland gehört nach den enttäuschenden WM-Auftritten 2018 und 2022 nicht automatisch zur allerersten Reihe. Unterschätzen sollte man die DFB-Elf trotzdem nie. Wenn Struktur, Mut und Turnierdynamik zusammenkommen, kann auch Deutschland gefährlich werden. 

Achtung vor den Spielverderbern

Dahinter lauern einige Mannschaften, die den Favoriten richtig wehtun können. Die Niederlande haben genug Qualität für einen tiefen Lauf und sind traditionell unangenehm, wenn sie defensiv stabil stehen. Kroatien bleibt trotz Umbruch ein Team, das K.-o.-Spiele lesen kann wie kaum ein anderes. Uruguay und Kolumbien bringen südamerikanische Härte, Tempo und Torinstinkt mit – beides Gegner, die niemand freiwillig früh im Turnier haben will.

Auch die Gastgeber verdienen einen Blick. Kanada ist eher Außenseiter, Mexiko lebt von Leidenschaft, Heimkulisse und Turniererfahrung. Die USA könnten mit jungem Kader, Athletik und Heimvorteil zu einem der unangenehmen Gegner werden. Für den Titel dürfte es schwer werden, für eine Überraschung aber nicht. 

Das macht den Reiz dieses Turniers aus. Mehr Teams bedeuten mehr Spiele, mehr Reisen, mehr Unwägbarkeiten. Der neue Modus kann Favoriten fordern und Außenseitern Mut machen. Am Ende aber gelten die alten Gesetze: Wer defensiv stabil steht, seine Stars in Form bekommt und im Elfmeterschießen die Nerven behält, darf vom Pokal träumen.

Der Favoritenkreis ist groß. Spanien, Frankreich, Argentinien, England und Brasilien gehen mit den besten Karten ins Rennen. Portugal und die Niederlande lauern dicht dahinter. Aber Weltmeister wird nicht, wer vor dem ersten Anpfiff am schönsten klingt. Weltmeister wird, wer am Ende noch steht. red