Reif für die große Bühne?

Deutschland hat Klasse - doch Nagelsmann muss ein Turnierteam formen

11. Juni 2026
Bundestrainer Julian Nagelsmann mit dem Kader der Fußball-Nationalmannschaft für die WM-Endrunde in Kanada, Mexiko und USA. Oben von links: Bundestrainer Julian Nagelsmann, Torhüter Manuel Neuer, Torhüter Oliver Baumann, Torwart Alexander Nübel, Antonio Rüdiger, Malick Thiaw, Joshua Kimmich; 2. Reihe von oben links: Jonathan Tah, Waldemar Anton, Nico Schlotterbeck, David Raum, Aleksandar Pavlovic, Leon Goretzka, Nathaniel Brown; 3. Reihe von oben links: Felix Nmecha, Jamie Leweling, Angelo Stiller, Nadiem Amiri, Jamal Musiala, Lennart Karl (fällt verletzungsbedingt aus, für ihn wurde Assan Quédraogo von RB Leipzig nachnominiert), Pascal Groß; unten von links: Florian Wirtz, Leroy Sané, Maximilian Beier, Kai Havertz, Nick Woltermade, Deniz Undav, WM-Trophäe. Foto: dpa
Bundestrainer Julian Nagelsmann mit dem Kader der Fußball-Nationalmannschaft für die WM-Endrunde in Kanada, Mexiko und USA. Oben von links: Bundestrainer Julian Nagelsmann, Torhüter Manuel Neuer, Torhüter Oliver Baumann, Torwart Alexander Nübel, Antonio Rüdiger, Malick Thiaw, Joshua Kimmich; 2. Reihe von oben links: Jonathan Tah, Waldemar Anton, Nico Schlotterbeck, David Raum, Aleksandar Pavlovic, Leon Goretzka, Nathaniel Brown; 3. Reihe von oben links: Felix Nmecha, Jamie Leweling, Angelo Stiller, Nadiem Amiri, Jamal Musiala, Lennart Karl (fällt verletzungsbedingt aus, für ihn wurde Assan Quédraogo von RB Leipzig nachnominiert), Pascal Groß; unten von links: Florian Wirtz, Leroy Sané, Maximilian Beier, Kai Havertz, Nick Woltermade, Deniz Undav, WM-Trophäe. Foto: dpa

Die Vergangenheit reist mit: zweimal WM-Vorrunde, ein EM-Viertelfinale, dazu der Anspruch eines viermaligen Weltmeisters. Bei der WM 2026 will Deutschland zurück in die Spitze. Der Kader gibt das her – wenn aus guten Einzelteilen rechtzeitig eine belastbare Einheit wird. 

Vier Sterne auf der Brust, zwei frühe WM-K.o. im Kopf: Die deutsche Nationalmannschaft startet in Nordamerika mit einem Rucksack, der leichter geworden ist – aber längst nicht leer. 2018 in Russland und 2022 in Katar war jeweils schon nach der Vorrunde Schluss. Bei der Heim-EM 2024 wuchs zwar wieder etwas zusammen zwischen Team und Fans, doch das Aus gegen Spanien zeigte auch: Bis ganz nach oben fehlen noch ein paar Prozent. 

Julian Nagelsmann muss diese Lücke schließen. Für ihn beginnt bei der WM der Teil seines Jobs, der sich nicht in Pressekonferenzen, Trainingsformen oder Systemskizzen gewinnen lässt. Ein Turnier entwickelt seine eigene Wucht. Wer schlecht startet, steht sofort unter Druck. Wer Verletzungen, Sperren oder Formdellen nicht auffängt, ist schnell nur noch Zuschauer. Genau dort muss Deutschland stabiler werden als in den vergangenen Jahren. 

Die Gruppe E klingt zunächst nach einem freundlichen Einstieg. Curaçao, die Elfenbeinküste und Ecuador sind keine Gegner, vor denen ein DFB-Team zittern darf. Aber gerade solche Aufgaben haben Deutschland zuletzt wehgetan. Curaçao kommt als WM-Neuling ohne große Last, aber mit der Lust auf die Sensation. Die Elfenbeinküste bringt Tempo, Körperlichkeit und Selbstvertrauen mit. Ecuador ist unbequem, zweikampfstark und taktisch reifer, als es mancher Gelegenheitsfan vermuten würde. Der Gruppensieg bleibt das klare Ziel. Ein Selbstläufer ist er nicht. 

Alte Sicherheit, neue Hierarchie

Die Rückkehr von Manuel Neuer ist mehr als eine Personalie fürs Torwartspiel. Sie ist ein Signal: Nagelsmann setzt auf Erfahrung, Ausstrahlung und den Glauben, dass große Spiele besondere Typen brauchen. Neuer kennt WM-Druck, Finalnächte und den schmalen Grat zwischen Glanzparade und Risiko. Vor ihm muss eine Abwehr funktionieren, die nicht nur verteidigt, sondern auch die deutsche Spielidee absichert.

Antonio Rüdiger steht für Härte, Tempo und Präsenz. Malick Thiaw bringt zusätzliche Physis. Entscheidend wird aber nicht allein sein, wer in der letzten Linie spielt, sondern wie gut die Mannschaft davor arbeitet. Deutschland darf sich keine wilden Abstände leisten. Ballverluste im Aufbau, schlecht abgesicherte Außenbahnen und zu viel Raum hinter dem Mittelfeld wären Einladungen, die schnell bestraft werden.

Im Maschinenraum führt kaum ein Weg an Joshua Kimmich vorbei. Als Kapitän soll er ordnen, antreiben, beruhigen – und dabei selbst die Balance halten. Neben ihm entscheidet Nagelsmanns Wahl über die Grundfarbe des Spiels: mehr Kontrolle, mehr Wucht oder mehr Risiko nach vorn. Genau diese Mischung wird Deutschlands WM prägen. 

Talent reicht nicht bis ins Finale

Offensiv besitzt die DFB-Elf genug Werkzeuge, um jeden Gegner zu beschäftigen. Jamal Musiala kann enge Räume öffnen, in denen andere nur Beine sehen. Kai Havertz verbindet Technik, Laufwege und Abschlussstärke. Leroy Sané bringt Tempo und Unberechenbarkeit, kann Spiele aufreißen – muss aber die Schwankungen klein halten. Dazu kommen Spieler, die nicht zwingend im Rampenlicht stehen, aber für ein Turnier enorm wichtig werden können: laufstark, rollenfest, bereit für kurze Einsätze mit Wirkung.

Genau darin liegt Nagelsmanns Kernaufgabe. Er muss keine Elf für ein schönes Testländerspiel bauen, sondern eine Mannschaft für mögliche sieben WM-Partien. Eine, die ein 0:1 wegsteckt. Eine, die auch ohne Gala gewinnt. Eine, in der sich Stars nicht größer machen als der Plan und Ergänzungsspieler nicht kleiner fühlen als ihre Rolle. 

Der Vergleich mit 2014 drängt sich nicht wegen einzelner Namen auf, sondern wegen der inneren Struktur. Damals passte vieles zusammen: Führung, Akzeptanz, Reife, Gier. Diese Auswahl wirkt wieder lebendiger als die Teams, die 2018 und 2022 früh den Faden verloren. Sie hat mehr Tempo, mehr spielerische Fantasie und wieder mehr Nähe zum Publikum. Aber sie muss noch beweisen, dass sie unter Turnierdruck nicht in alte Muster kippt.

Der fünfte Stern ist deshalb weder Pflichttermin noch Spinnerei. Deutschland reist nicht als Topfavorit, aber mit genügend Qualität, um weit zu kommen. Diese WM kann zur Rückkehr in die Weltspitze werden. Sie kann aber auch zeigen, dass Begabung allein kein Turnier trägt. Genau darin liegt der Reiz – und das Risiko. red