Eine WM voller Vorfreude, aber auch Fragezeichen

Zwischen Rekordturnier, Kritik und deutscher Hoffnung

11. Juni 2026
Eine WM voller Vorfreude, aber auch Fragezeichen

Bundestrainer Julian Nagelsmann gibt Joshua Kimmich Anweisungen: Bei der WM 2026 soll der Führungsspieler auf dem Platz den Takt für die deutsche Nationalmannschaft vorgeben. Foto: Tom Weller/dpa

Liebe Leserinnen, liebe Leser, es bleibt ja eine besondere Sache, eine Fußball-Weltmeisterschaft. Gerade weil sie nur alle vier Jahre kommt. Der Fußball lässt sich mehr Zeit als andere Sportarten – vielleicht ist genau das der Grund, warum eine WM noch immer anders kribbelt. Weil sie Erinnerungen bündelt. Weil sie Helden schafft. Und weil manchmal ein spätes Tor reicht, um aus einem Sommer Geschichte zu machen. 

Ob die Vorfreude diesmal schon überall ausgebrochen ist, darüber darf man geteilter Ansicht sein. Schon 2022 hatten Katar, die Verlegung in den Winter und alles, was dieses Turnier begleitete, viel Unbeschwertheit gekostet. Nun also Nord- und Mittelamerika: USA, Kanada, Mexiko. Drei Gastgeber, 16 Spielorte, 48 Mannschaften, 104 Spiele. Größer war eine WM nie. Die Entfernungen sind gewaltig, die Ticketpreise hoch. Von Rahmenbedingungen wie beim Sommermärchen 2006 kann kaum die Rede sein. 

Und doch: Irgendwann rollt der Ball. Dann wird diskutiert, gerechnet, gehofft und gezittert. Bei der Nationalmannschaft beginnt diese Debatte schon im Tor. Manuel Neuer, der letzte Verbliebene aus dem Weltmeisterkader von 2014, ist mit 40 Jahren zurück auf der großen Bühne. Verletzungsanfällig, ja. Aber für Bundestrainer Julian Nagelsmann offenbar noch immer mit jener Ausstrahlung ausgestattet, die man nicht trainieren kann. 

Bundestrainer Julian Nagelsmann erklärt seine Pläne: Bei der WM 2026 soll er die deutsche Nationalmannschaft wieder zu alter Turnierstärke führen. Foto: dpa
Bundestrainer Julian Nagelsmann erklärt seine Pläne: Bei der WM 2026 soll er die deutsche Nationalmannschaft wieder zu alter Turnierstärke führen. Foto: dpa

Auch sonst wird über Nagelsmanns Kader gestritten: über Erfahrung und Tempo, über Namen wie Leroy Sané, über Form und Rollen. 26 Spieler sollen Deutschland zurück in die Nähe der Weltspitze bringen. 19 von ihnen kommen aus der Bundesliga. Qualität ist da. Aber reicht Qualität allein?

Das ist vielleicht die entscheidende Frage vor dieser WM. Hat Deutschland wieder eine Mannschaft, die ein Turnier aushält? Die Rückschläge wegsteckt und Widerstand entwickelt? Matthias Sammer hat im „Stern“ den Finger in eine alte deutsche Fußballwunde gelegt. Kampfgeist und Wille hätten immer zu den Stärken großer deutscher Mannschaften gezählt, sagte der Europameister von 1996. Heute, so sein Vorwurf, schäme man sich fast für diese Tugenden. „Deutschland ist eine Turniermannschaft“ – dieser Satz wurde über Jahrzehnte mit breiter Brust gesagt. In den vergangenen Jahren klang er eher wie eine Erinnerung. 2018 und 2022 war jeweils nach der Vorrunde Schluss. Bei der EM 2024 zeigte die Mannschaft wieder mehr Gesicht, scheiterte im Viertelfinale aber unglücklich am späteren Europameister Spanien. Deshalb reist die DFB-Elf nicht ohne Hoffnung nach Amerika. Aber eben auch nicht als Mannschaft, der man blind den nächsten großen Lauf zutraut. 

Und die Konkurrenz? Sie ist gewaltig. Weltmeister Argentinien will zeigen, dass der Triumph von 2022 mehr war als Lionel Messis großer Schlussakkord. Frankreich bringt enorme Kadertiefe mit. Brasilien trägt wieder einmal die Sehnsucht eines ganzen Fußballlandes. England sucht weiter den Weg vom Versprechen zum Titel. Spanien, Portugal, die Niederlande – sie alle haben genug Klasse, um diese WM zu prägen. Und bei 48 Mannschaften wird es auch jene Geschichten geben, die vorher niemand auf dem Zettel hatte.

Diese Beilage soll Sie durch dieses riesige Turnier begleiten: mit Hintergründen, Einschätzungen, Zahlen, Geschichten und dem Blick auf die großen Fragen. Wer sind die Favoriten? Wer stolpert früh? Wer wächst über sich hinaus? Und wie weit trägt Nagelsmanns Idee vom neuen deutschen Team?

Wir werden diese WM kritisch betrachten, weil sie Anlass dazu gibt. Aber wir werden uns den Fußball nicht kleinreden lassen. Denn eine Weltmeisterschaft lebt von Momenten: einer Parade, einem Elfmeter, einem Konter, einem jungen Spieler, der plötzlich auf der Weltbühne steht. Genau dafür lohnt sich das Hinschauen.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen
Ihr Team der rz media