Edelstein und Schmuck prägen den Landkreis Birkenfeld seit Generationen - und sie stehen bis heute für einen Wirtschaftszweig, der weit über die Region hinausstrahlt. Daneben punktet der Kreis mit spezialisierter Werkstofftechnik, einer starken Ausbildungslandschaft und dem Umwelt-Campus Birkenfeld als Impulsgeber für Forschung und Nachwuchs. Die Nähe zum Nationalpark Hunsrück-Hochwald und moderne Gewerbeflächen ergänzen dieses Profil.
Christina Schwardt, Regionalgeschäftsführerin der IHK Koblenz für den Landkreis Birkenfeld, wirbt dafür, diese Stärken stärker zu verzahnen und daraus eine klare Linie für die weitere Entwicklung zu formen. Einen sichtbaren Rahmen für gebündeltes Engagement setzte das Zukunftsforum Landkreis Birkenfeld, das Ende Januar Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Verwaltung zusammenbrachte. Im Interview spricht Schwardt darüber, wo sie die tragfähigsten Chancen sieht - und was aus ihrer Sicht als Nächstes folgen muss.
Frau Schwardt, das Zukunftsforum hat viele Akteure an einen Tisch gebracht. Was war aus Ihrer Sicht das wichtigste Signal dieses Abends?
Der Abend hat gezeigt, dass viele Akteure an einem Strang ziehen - Unternehmen und Kommunen genauso wie Wissenschaft und Verwaltung. Mit der unterzeichneten Absichtserklärung wird diese Bereitschaft zur Zusammenarbeit greifbar. Sie steht für den gemeinsamen Anspruch, die nächsten Schritte abgestimmt anzugehen und die Zukunft im Landkreis aktiv zu gestalten - gemeinsam mit Partnern vor Ort, den Hochschulen und den Kommunen.
Welche Stärken des Landkreises wurden beim Forum besonders deutlich, die im Alltag oft zu wenig wahrgenommen werden?
Neben den bekannten Herausforderungen sind beim Zukunftsforum mehrere positive Potenziale deutlich geworden, die im Alltag oft zu wenig sichtbar sind. Dazu gehört die demografische Entwicklung: die Geburtenrate liegt über dem Landes- und Bundesdurchschnitt. Auch bei den 18- bis 29-Jährigen gibt es einen klar positiven Wanderungssaldo. Das zeigt, dass der Landkreis für junge Menschen attraktiver ist, als häufig angenommen wird.
Sehr stark ist auch der Ausbildungsmarkt: Birkenfeld zählt bundesweit zu den Kreisen mit sehr wenigen unbesetzten Ausbildungsstellen, im Zukunftsatlas liegt der Kreis hier auf Rang 38 unter 400 Kommunen. Das spricht für eine gute Verzahnung zwischen Betrieben, Schulen und jungen Menschen und ist ein Pfund im Wettbewerb um Fachkräfte. Dazu kommt ein zwar nach unterdurchschnittlicher, aber steigender Anteil hochqualifizierter Beschäftigter, der den Strukturwandel stützt. Und nicht zuletzt bietet die Schmuckherstellung Potenzial für Wertschöpfung, Profilbildung und Innovation. Unterm Strich zeigt sich: Der Landkreis Birkenfeld hat mehr Zukunftspotenzial, als es ein Ranking auf den ersten Blick vermuten lässt.

Sie haben die Schmuckherstellung als Alleinstellungsmerkmal genannt. Wie lässt sich diese Stärke so nutzen, dass der Landkreis insgesamt mehr Profil gewinnt und nach außen mehr Strahlkraft entwickelt?
Wir sind eine Region der Kostbarkeiten: Schmuck und Edelsteine, der Spießbraten, dazu der Nationalpark Hunsrück-Hochwald als Naturerlebnis. Diese Verbindung aus Schmuck, Genuss und Natur macht den Landkreis Birkenfeld besonders. Die Geschichte, dass der Spießbraten gemeinsam mit den Edelsteinen aus Brasilien nach Idar-Oberstein kam, ist dabei mehr als eine Anekdote. Sie erzählt von Herkunft, Handwerk, Migration und Genuss. Diese Erzählung sollten wir sichtbarer machen.
Darin liegt eine Chance, die Region zugleich als attraktives Reiseziel und als authentischen Wirtschaftsstandort zu positionieren. Besucher können Spießbraten essen, Edelsteine und Schmuck kaufen und zugleich erleben, woher die Steine kommen und wie sie verarbeitet werden, etwa in der historischen Weiherschleife. Das stärkt regionale Identifikation und Wertschöpfung. Dafür braucht es aus meiner Sicht eine klare, abgestimmte Strategie, die diese Besonderheiten bündelt und professionell vermarktet, etwa durch die neu gegründete Hunsrück-Nahe Tourismus GmbH.
Gleichzeitig ist die Schmuck- und Edelsteinindustrie ein bedeutender Wirtschaftsfaktor mit internationaler Strahlkraft. Wichtig ist deshalb ein klares Signal der Landespolitik, dass die Branche bei Förderprogrammen, in der Außenwirtschaftsförderung und in der Tourismusstrategie des Landes Rheinland-Pfalz mitgedacht wird.
Und der Blick geht nach vom: Initiativen wie das Kompetenzcluster HartSpröde zeigen, dass der Landkreis Birkenfeld nicht nur für Tradition, sondern auch für innovative Bearbeitungsmethoden und spezialisierte industrielle Wertschöpfung steht. Ziel muss es sein, diese Stärken unter einer gemeinsamen Standortmarke zu bündeln. So entsteht ein klares Profil.
Das Kompetenzcluster HartSpröde steht für eine industrielle Besonderheit der Region. Welche Chancen sehen Sie darin für Wachstum und Ansiedlungen?
Wenn Know-how in der Hart- und Sprödwerkstofftechnologie gebündelt wird - etwa in Keramik, Hartmetall oder Glas - entsteht ein klar profiliertes Kompetenzfeld. Ein gut aufgestelltes Cluster verbessert die Chancen auf nationale und europäische Förderprogramme und erhöht die überregionale Sichtbarkeit unserer Hidden Champions. Das ist ein wichtiger Hebel für Investitionen und Kooperationen. Und die Weiterentwicklung des Clusters kann ein Katalysator sein - für neue Unternehmen, für qualifizierte Fachkräfte und für nachhaltiges Wachstum. Entscheidend sind dabei klare strategische Schwerpunkte, eine aktive Netzwerkpflege und die enge Verzahnung von Wirtschaft, Wissenschaft und regionaler Entwicklungspolitik.
Frau Schwardt, IHK-Regionalgeschäftsführerin Landkreis Birkenfeld
Wenn man über Wachstum spricht, geht es am Ende immer auch um die Menschen und ihre Qualifikation. Der Landkreis hat rund um Schmuck und Edelsteine eine besondere Ausbildungs- und Qualifizierungslandschaft. Was macht diese Spezialisierung aus und wie kann der Kreis das als Talentstandort nutzen?
Im Landkreis Birkenfeld gibt es eine hohe Konzentration hochspezialisierter Ausbildungs- und Berufsprofile vom Edelsteinschleifer über den Goldschmied bis zum Edelsteinfasser. Diese Berufe sind fest in der regionalen Geschichte verankert und gleichzeitig sehr wichtig für die Zukunft der Schmuck- und Edelsteinbranche. Dass Auszubildende aus der Region regelmäßig zu den Besten ihres Jahrgangs auf Bundesebene gehören, spricht für eine außergewöhnlich hohe Ausbildungsqualität vor Ort.
Ergänzt wird die betriebliche Ausbildung durch ein starkes Weiterbildungs- und Hochschulangebot: die Deutsche Gemmologische Gesellschaft, der Campus Idar-Oberstein der Hochschule Trier und die IHK, die unter anderem öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Schmuck, Edelsteine und Diamanten prüft und begleitet. Dieses eng verzahnte Zusammenspiel aus dualer Ausbildung, akademischer Lehre und beruflicher Weiterbildung schafft sehr gute Voraussetzungen, um den Landkreis Birkenfeld als Talentschmiede für hochqualifizierte Nischenexperten zu positionieren.
Viele Regionen kämpfen um Nachwuchs. Was läuft im Landkreis Birkenfeld aus Ihrer Sicht so gut, dass Ausbildung hier vergleichsweise stabil funktioniert?
Dass die Ausbildungsquote überdurchschnittlich gut ist, zeigt: Die gemeinsamen Anstrengungen von IHK, der berufsbildenden Schule, Wirtschaftsförderung und Betrieben greifen. Mit Angeboten wie dem Azubi-Speed-Dating, dem Ausbildungstag an der IGS Herrstein-Rhaunen, der Fachkräfteinitiative deinBIR, der Berufssafari, unseren IHK-Schulpatenschaften oder der Azubi-Challenge geben wir früh Orientierung und machen die duale Ausbildung erlebbar und attraktiv.
Ergänzt wird die betriebliche Ausbildung durch ein starkes Weiterbildungs- und Hochschulangebot: die Deutsche Gemmologische Gesellschaft, der Campus Idar-Oberstein der Hochschule Trier und die IHK, die unter anderem öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Schmuck, Edelsteine und Diamanten prüft und begleitet. Dieses eng verzahnte Zusammenspiel aus dualer Ausbildung, akademischer Lehre und beruflicher Weiterbildung schafft sehr gute Voraussetzungen, um den Landkreis Birkenfeld als Talentschmiede für hochqualifizierte Nischenexperten zu positionieren.
Genau diese enge Verzahnung in der Ausbildung genauso wie in den Betrieben kann ein Standortvorteil sein. Ein weiterer Faktor ist der Umwelt-Campus Birkenfeld. Wie gelingt es, Forschung und Unternehmen noch enger zusammenzubringen?
Der Umwelt-Campus Birkenfeld ist als forschungsstärkste Hochschule in Rheinland-Pfalz ein zentraler Innovationsmotor für die Region. Ziel ist es, Hochschule und Wirtschaft noch enger zusammenzubringen und den Transfer zu fördern. Mit Formaten wie „Innovationsfluss Nahe“ kommen Hochschule und Unternehmen regelmäßig zusammen. Dabei geht es um Themen wie 3D-Druck, Künstliche Intelligenz oder Ökobilanzierung, und es entstehen Netzwerke, aus denen Projekte und Kooperationen wachsen.
Ergänzt wird die betriebliche Ausbildung durch ein starkes Weiterbildungs- und Hochschulangebot: die Deutsche Gemmologische Gesellschaft, der Campus Idar-Oberstein der Hochschule Trier und die IHK, die unter anderem öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Schmuck, Edelsteine und Diamanten prüft und begleitet. Dieses eng verzahnte Zusammenspiel aus dualer Ausbildung, akademischer Lehre und beruflicher Weiterbildung schafft sehr gute Voraussetzungen, um den Landkreis Birkenfeld als Talentschmiede für hochqualifizierte Nischenexperten zu positionieren.
Ein aktuelles Beispiel ist das nächste Fachsymposium des Kompetenzclusters HartSpröde, das direkt am Umwelt-Campus stattfinden soll. So lassen sich Unternehmen in Labore und an die Maschinen vor Ort führen, um Kooperationsmöglichkeiten konkret zu prüfen.

Netzwerke und Forschung können viel anstoßen – für Wachstum braucht es aber auch Raum für Ansiedlungen. Mit dem Ökompark HeideWestrich gibt es ein großes Vorhaben in der Region. Was macht diesen Standort aus Ihrer Sicht so wichtig?
Der Ökompark Heide-Westrich mit seinen 72 Hektar Entwicklungsfläche ist aus unserer Sicht eine der größten Chancen für die wirtschaftliche Zukunft des Landkreises Birkenfeld. Hier geht es um das Potenzial für größere Ansiedlungen, um viele neue Arbeitsplätze und damit um einen Strukturimpuls, der in der Region spürbar wäre.
Als IHK sehen wir unsere Aufgabe darin, die Chancen dieses Standorts transparent zu machen - gegenüber Politik, Verwaltung, Gremien und auch gegenüber der Öffentlichkeit. Wir unterstützen die Entwicklung des Gewerbegebiets, etwa mit Stellungnahmen, und begleiten die Gespräche mit Investoren aktiv. Es gibt bereits sehr konkrete Anfragen, und gemeinsam mit allen Beteiligten arbeiten wir daran, diese Interessenten von den Vorteilen des Standorts zu überzeugen.
Im Ökompark können moderne Arbeitsplätze entstehen, dazu regionale Wertschöpfung und positive Effekte für Zulieferer und weitere Branchen. Davon würden Menschen vor Ort, Unternehmen und Kommunen gleichermaßen profitieren.
Wenn Sie nach vorn schauen: Was müsste in den nächsten drei Jahren passiert sein, damit im Landkreis spürbar wird, dass die gemeinsamen Schritte Wirkung zeigen?
In drei Jahren sollte man klar sehen, dass die Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung trägt. Entscheidend ist, dass alle Beteiligten Verantwortung übernehmen und die Themen zielgerichtet voranbringen. Im Ökompark wäre dann der Spatenstich erfolgt, und erste Unternehmen hätten ihre Bauvorhaben gestartet. Das Kompetenzcluster HartSpröde wäre organisatorisch gefestigt und als Netzwerk etabliert, und die Verzahnung zwischen Forschung und Wirtschaft wäre noch enger. Gleichzeitig sollten bei Ansiedlungen und Gründungen messbare Fortschritte erreicht sein. Kurz gesagt: Der Landkreis Birkenfeld hätte deutlich an Dynamik, Profil und Zukunftsperspektive gewonnen. Und ich wünsche mir, dass ein echtes Leuchtturmprojekt im Kreis realisiert wird.
