Familienfreundlichkeit wird zum Faktor im Wettbewerb um Fachkräfte

Trotz schwacher Konjunktur halten Unternehmen an Angeboten zur Vereinbarkeit fest

19. Oktober 2026
Familienfreundlichkeit wird zum Faktor im Wettbewerb um Fachkräfte

Flexible Arbeitsmodelle wie Homeoffice können die Vereinbarkeit erleichtern - entscheidend bleiben zugleich verlässliche Rahmenbedingungen. Foto: pikselstock - stock.adobe.com

Die wirtschaftliche Lage ist angespannt, viele Unternehmen blicken vorsichtig auf die kommenden Monate. Bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bleibt der Stellenwert dennoch hoch. Nach dem „Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2026“ des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) halten 87,6 Prozent der befragten Unternehmen familienfreundliche Maßnahmen für wichtig. 2015 waren es 77,4 Prozent, 2023 bereits 85,5 Prozent. 

Selbst unter Unternehmen mit schlechter wirtschaftlicher Lage liegt der Anteil bei 85,2 Prozent. Für das IW ist das ein Hinweis darauf, dass Familienfreundlichkeit zunehmend Teil einer langfristigen Personalpolitik ist. Gerade in Zeiten, in denen Budgets enger werden und Investitionen genauer geprüft werden, bleibt das Thema damit vergleichsweise stabil. Unternehmen verbinden damit nicht nur soziale Verantwortung, sondern auch konkrete personalpolitische Ziele. Ein wichtiger Grund ist die Fachkräftesicherung. Rund 85 Prozent der Personalverantwortlichen sehen eine gute Vereinbarkeit als zentral dafür an. Unternehmen wollen qualifizierte Mitarbeiter halten und zugleich verhindern, dass familiäre Verpflichtungen dauerhaft zu geringeren Arbeitszeiten führen. 

Hinzu kommt der demografische Wandel. In den kommenden Jahren scheiden viele erfahrene Beschäftigte aus dem Erwerbsleben aus, während kleinere Jahrgänge nachrücken. Für Betriebe wird es deshalb wichtiger, vorhandene Mitarbeiter möglichst lange zu halten und Arbeitszeitpotenziale besser zu nutzen. Wer wegen fehlender Betreuungsmöglichkeiten oder Pflegeaufgaben seine Stunden reduziert, steht dem Unternehmen nur eingeschränkt zur Verfügung. Familienfreundliche Lösungen können dazu beitragen, solche Einschränkungen zumindest abzumildern.

Auch die Unternehmenskultur gewinnt an Bedeutung. 56,5 Prozent der Unternehmen sehen sich inzwischen als ausgeprägt familienfreundlich. 2023 waren es 51,4 Prozent. Unter den Beschäftigten bewerten 46 Prozent die Kultur ihres Arbeitgebers entsprechend positiv. Entscheidend ist dabei nicht nur, welche Angebote auf dem Papier bestehen. Ebenso wichtig ist, ob Beschäftigte diese tatsächlich nutzen können, ohne Nachteile für ihre weitere berufliche Entwicklung befürchten zu müssen. 

Pflege stärker im Blick

Pflege und Beruf zu vereinbaren, wird für Beschäftigte und Unternehmen zunehmend wichtiger. Foto: Alexander Raths - stock.adobe.com
Pflege und Beruf zu vereinbaren, wird für Beschäftigte und Unternehmen zunehmend wichtiger. Foto: Alexander Raths - stock.adobe.com

Zunehmend rückt außerdem die Pflege von Angehörigen in den Mittelpunkt. Acht von zehn Unternehmen halten Unterstützungsangebote für pflegende Beschäftigte für wichtig. Fast 45 Prozent ermöglichen Auszeiten, die über die gesetzlichen Verpflichtungen hinausgehen. 

Das Thema unterscheidet sich in einem Punkt deutlich von der Kinderbetreuung: Pflegebedarfe entstehen oft kurzfristig und lassen sich nur begrenzt planen. Beschäftigte müssen etwa Arzttermine begleiten oder zeitweise intensiver unterstützen. Für Unternehmen bedeutet das, stärker mit kurzfristigen Freiräumen und angepassten Arbeitszeiten zu reagieren. Angesichts einer älter werdenden Bevölkerung dürfte dieser Bereich künftig weiter an Bedeutung gewinnen. 

Besonders hoch sind die Erwartungen jüngerer Beschäftigter. Unter den 18- bis unter 30-Jährigen ohne Betreuungsverpflichtungen halten 79,5 Prozent familienfreundliche Maßnahmen für wichtig. Bei Gleichaltrigen mit entsprechenden Verpflichtungen sind es 87,1 Prozent. Das Thema wird damit bereits vor einer eigenen Familiengründung zu einem Kriterium bei der Bewertung eines Arbeitgebers. 

Gleichzeitig reagieren Jüngere sensibel auf unterschiedliche Arbeitsbedingungen. Rund vier von zehn empfinden es als ungerecht, wenn manche Beschäftigte Homeoffice nutzen können oder größere zeitliche Spielräume haben als andere. Für Unternehmen entsteht daraus eine schwierige Aufgabe: Nicht jede Tätigkeit lässt sich gleichermaßen flexibel organisieren. In Produktion, Handel, Pflege, Handwerk oder Logistik bleibt Anwesenheit häufig notwendig. Umso wichtiger ist es, auch dort Gestaltungsmöglichkeiten zu schaffen. Verlässliche Dienstpläne und Mitsprache bei der Einsatzplanung können Beschäftigten helfen, berufliche Anforderungen besser mit ihrem Privatleben zu verbinden. Mehr Flexibilität ist jedoch nicht für alle die beste Lösung. 50,6 Prozent der Beschäftigten bevorzugen flexibel gestaltbare Arbeitszeiten, 49,4 Prozent legen größeren Wert auf verlässliche Planung. Damit zeigt sich, dass Flexibilität und Planbarkeit keine Gegensätze sein müssen. Für viele Beschäftigte ist entscheidend, Einfluss auf ihre Arbeitszeit zu haben und zugleich früh genug zu wissen, wann sie gebraucht werden. Besonders deutlich zeigt sich die Bedeutung der Planbarkeit bei kurzfristigen Änderungen. Beschäftigte, deren Arbeitszeiten sich kaum verändern, bewerten die Vereinbarkeit deutlich häufiger positiv als jene, deren Einsatzzeiten regelmäßig kurzfristig wechseln. Planbarkeit kann deshalb im Alltag genauso wertvoll sein wie ein flexibler Arbeitsbeginn oder die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten. 

Auch im Schichtdienst lassen sich Spielräume schaffen. In gut drei Vierteln der Betriebe können Beschäftigte Schichten selbstorganisiert tauschen. Knapp die Hälfte ermöglicht dauerhaft dieselbe Schicht, weitere Unternehmen erlauben längere Unterbrechungen aus privaten Gründen. Solche Modelle zeigen, dass Familienfreundlichkeit nicht zwingend umfassende Arbeitszeitautonomie voraussetzt. Schon begrenzte Einflussmöglichkeiten können helfen, private Verpflichtungen besser mit dem Beruf zu verbinden. Für Beschäftigte kann es einen großen Unterschied machen, ob ein Dienstplan frühzeitig feststeht oder eine Schicht bei Bedarf mit einem Kollegen getauscht werden kann. 

Die Studie zeigt damit, dass Familienfreundlichkeit nicht allein an Homeoffice oder frei einteilbaren Arbeitszeiten gemessen werden kann. Viele Tätigkeiten bleiben an feste Orte und Zeiten gebunden. Dort sind verlässliche Dienstpläne und Mitsprache innerhalb bestehender Arbeitsmodelle entscheidend. Rund 63 Prozent der Beschäftigten haben den Eindruck, dass ihr Unternehmen sich auch um jene Mitarbeiter bemüht, die nicht im Homeoffice arbeiten oder nur geringe Spielräume bei ihren Arbeitszeiten haben. Zugleich zeigt dieser Wert, dass noch nicht überall das Gefühl besteht, gleichermaßen berücksichtigt zu werden. Für Betriebe bleibt deshalb die Aufgabe, unterschiedliche Arbeitsbedingungen nachvollziehbar zu gestalten und passende Lösungen für verschiedene Tätigkeiten zu finden. Ein Beschäftigter im Büro benötigt möglicherweise andere Möglichkeiten als ein Mitarbeiter in der Produktion oder im Schichtdienst. Familienfreundlichkeit muss deshalb zur jeweiligen Arbeitssituation passen, statt sich auf ein einzelnes Modell zu beschränken. 77,1 Prozent der Personalverantwortlichen erwarten, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die Fachkräftesicherung künftig noch wichtiger wird. Der Anteil liegt zwar etwas unter dem Wert von 2023, bleibt aber hoch. Der Unternehmensmonitor macht deutlich: Familienfreundlichkeit besteht nicht aus einem einzelnen Angebot. Entscheidend ist, wie gut Arbeitsorganisation und unterschiedliche Lebenssituationen zusammenpassen. Dabei geht es zunehmend um Lösungen, die sich dauerhaft im Arbeitsalltag tragen lassen. red/IW