Fachkräftemangel bleibt ein strukturelles Risiko

Laut IW-Studie könnte die Fachkräftelücke bis 2029 auf 723.000 Stellen steigen. Grund ist die alternde Gesellschaft. Besonders in technischen Ausbildungsberufen drohen massive Engpässe.

19. Oktober 2026
Fachkräftemangel bleibt ein strukturelles Risiko

Die Fachkräftelücke könnte sich trotz derzeit schwächerer Nachfrage in den kommenden Jahren wieder deutlich vergrößern. Foto: Frank H. - stock.adobe.com

Eine neue Arbeitsmarktfortschreibung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeichnet ein angespanntes Bild: Setzen sich die längerfristigen Trends fort, könnte die Fachkräftelücke in Deutschland bis 2029 auf rund 723.000 steigen. Gemeint sind damit offene Stellen, für die rechnerisch keine passend qualifizierten Arbeitslosen zur Verfügung stehen. Das wären 47 Prozent mehr als 2024. 

Für die Untersuchung hat das IW die Entwicklung in rund 1300 Berufen auf Basis von Daten bis Ende 2024 fortgeschrieben. Die Zahl von 723.000 ist deshalb keine Prognose, sondern beschreibt ein Szenario für den Fall, dass sich bisherige Entwicklungen fortsetzen. Auch die Beschäftigung könnte demnach bis 2029 auf rund 35 Millionen steigen, etwa fünf Prozent mehr als im Ausgangsjahr. Immer mehr Angehörige der geburtenstarken Jahrgänge erreichen das Rentenalter. Gleichzeitig ist die Zuwanderung zuletzt zurückgegangen. Der Wanderungssaldo Deutschlands mit anderen EU-Staaten war 2024 nach Angaben des IW erstmals seit 2008 negativ.

Das Institut sieht deshalb die Erwerbszuwanderung aus Drittstaaten als wichtigen Hebel. Je weniger Arbeitskräfte aus dem Ausland gewonnen werden, desto schneller könnte der Renteneintritt der Babyboomer zu einem Beschäftigungsrückgang führen. In Infrastrukturberufen ging das Beschäftigungswachstum der vergangenen Jahre laut IW vollständig auf Arbeitskräfte aus dem Ausland zurück.

Ausbildungsberufe besonders betroffen

Technische Fachkräfte bleiben gefragt: Besonders in Ausbildungsberufen erwartet das IW bis 2029 spürbare Engpässe. Foto: ehrenberg-bilder - stock.adobe.com
Technische Fachkräfte bleiben gefragt: Besonders in Ausbildungsberufen erwartet das IW bis 2029 spürbare Engpässe. Foto: ehrenberg-bilder - stock.adobe.com

Die größten Engpässe erwartet das IW in Berufen, für die in der Regel eine abgeschlossene Berufsausbildung erforderlich ist. Im Verkauf könnte die Fachkräftelücke 2029 bei mehr als 39.000 liegen. In der Kraftfahrzeugtechnik könnten rund 15.900 Fachkräfte fehlen, in der elektrischen Betriebstechnik etwa 13.800. Für die Mechatronik nennt das IW rund 13.600. Auch für Bauplanung und Bauüberwachung weist die Fortschreibung eine mögliche Lücke von rund 15.000 Fachkräften aus. Das könnte die Umsetzung des Sondervermögens Infrastruktur und Klimaneutralität erschweren. Projekte müssen geplant und umgesetzt werden. Fehlen dafür ausreichend qualifizierte Beschäftigte, können Vorhaben ins Stocken geraten. 

Auffällig ist, dass sich Fachkräfteengpässe in mehreren Industrieberufen halten oder verstärken, obwohl die Industriebeschäftigung insgesamt unter Druck steht. Mechatronik sowie Maschinenbau- und Betriebstechnik sind im Ranking der Berufe mit besonders großen Engpässen gegenüber der ersten IW-Fortschreibung jeweils um 16 Plätze nach oben gerückt. Auch Kraftfahrzeugtechnik und elektrische Betriebstechnik gewinnen an Bedeutung. Unternehmen können in einem Bereich Personal reduzieren und zugleich Schwierigkeiten haben, Beschäftigte mit anderen Qualifikationen zu finden. Viele der in Rente gehenden Babyboomer haben eine Berufsausbildung, während jüngere Jahrgänge häufiger studieren. Zugleich verändern sich die Anforderungen in der industriellen Transformation. Das IW sieht deshalb auch in einer verstärkten Aus- und Weiterbildung einen Ansatz, um Engpässe zu verringern. 

Für Unternehmen bedeutet diese Entwicklung, dass kurzfristige Zurückhaltung bei Einstellungen die langfristigen Personalprobleme nicht automatisch löst. Besonders dort, wo beruflich Qualifizierte gesucht werden, treffen demografischer Wandel und veränderte Bildungswege aufeinander. Scheiden erfahrene Beschäftigte aus, müssen Betriebe nicht nur offene Stellen neu besetzen, sondern zugleich Wissen sichern und Nachwuchs aufbauen. Ausbildung gewinnt dadurch ebenso an Bedeutung wie die gezielte Weiterqualifizierung vorhandener Mitarbeiter. Gerade in technischen Berufen kann es entscheidend sein, Beschäftigte auf neue Anforderungen vorzubereiten, statt ausschließlich auf externe Bewerber zu setzen. Die IW-Fortschreibung macht damit sichtbar, dass Fachkräftesicherung zunehmend zu einer dauerhaften betrieblichen Aufgabe für viele Unternehmen in Deutschland wird. 

Deutlich abgeschwächt hat sich der Beschäftigungstrend in mehreren Berufsfeldern. Gegenüber einer früheren Fortschreibung fällt das erwartete Beschäftigungswachstum in Maschinen- und Fahrzeugtechnik um 147.000 niedriger aus. Bei Verkehr und Logistik ohne Fahrzeugführung beträgt die Differenz 145.000, bei Forschung, Entwicklung und Produktionssteuerung 112.000. Diese Werte sind keine prognostizierten Stellenverluste, sondern zeigen, wie stark sich der Trend gegenüber einer früheren Berechnung verändert hat. Das IW führt die schwächere Entwicklung in Verkehr und Logistik vor allem auf die Konjunktur zurück. In Maschinen- und Fahrzeugtechnik sowie Forschung und Produktionssteuerung sieht es dagegen die Investitionsschwäche der deutschen Industrie als wichtigen Faktor. Hohe Energiepreise könnten die Entwicklung in weiteren industriellen Berufsfeldern zusätzlich bremsen. 

Die Fortschreibung selbst enthält einen wichtigen Vorbehalt: Neuere Daten bis 2025 zeigen bereits einen deutlichen Rückgang der Fachkräftelücke. Diese Entwicklung konnte in der Berechnung bis 2029 noch nicht berücksichtigt werden, weil andere benötigte Daten erst mit Verzögerung vorliegen. Das IW erwartet deshalb, dass sich die Trends bei einer künftigen Aktualisierung weiter abschwächen könnten. Der langfristige demografische Druck bleibt dennoch bestehen. Der Renteneintritt der Babyboomer wird das Arbeitskräfteangebot weiter verändern. Wie groß die Fachkräftelücke 2029 tatsächlich ausfällt, hängt deshalb auch davon ab, wie sich Erwerbsbeteiligung und Zuwanderung entwickeln. Ebenso entscheidend ist, ob ausreichend Nachwuchs für die besonders betroffenen Berufe gewonnen und qualifiziert werden kann. red/IW