Energiewende wird zum Standortfaktor

Der Rhein-Hunsrück-Kreis baut auf einem starken Energie-Fundament auf - Nun soll daraus mehr regionale Wertschöpfung entstehen

19. Oktober 2026
Die Energiewende im Rhein-Hunsrück-Kreis geht in die nächste Phase: Entscheidend wird, wie stärker regionale Wertschöpfung entsteht. Foto: photoopus - stock.adobe.com
Die Energiewende im Rhein-Hunsrück-Kreis geht in die nächste Phase: Entscheidend wird, wie stärker regionale Wertschöpfung entsteht. Foto: photoopus - stock.adobe.com

Der Rhein-Hunsrück-Kreis hat beim Ausbau erneuerbarer Energien bereits viel erreicht. Die nächste Aufgabe besteht nun darin, den erzeugten Strom stärker vor Ort zu nutzen und die regionale Wertschöpfung weiter auszubauen. Ein wichtiger Baustein dafür ist der eigene Strombilanzkreis der Energiegesellschaft Rhein-Hunsrück. Er soll ab Januar 2027 starten. Ein entsprechender Vertrag mit der EVM wurde im September 2026 geschlossen. Zunächst sollen 85 Lieferstellen des Kreises und der Rhein-Hunsrück Entsorgung mit einem Jahresverbrauch von rund drei Millionen Kilowattstunden einbezogen werden. Das Projekt steht für den Wandel im Kreis. Nun geht es darum, daraus zusätzliche regionale Wertschöpfung zu entwickeln und Kommunen, Unternehmen sowie Bürger stärker zu beteiligen. Die Transformation betrifft damit auch kommunale Finanzen, Investitionen und den Arbeitsmarkt. 

Wertschöpfung bleibt in der Region

Die wirtschaftlichen Effekte sind schon seit Jahren spürbar. Bis 2017 wurden nach Berechnungen der Kreisverwaltung rund 1,28 Milliarden Euro in erneuerbare Energien investiert. Etwa 105 Millionen Euro an Aufträgen entfielen auf das heimische Handwerk. Für den Betrieb der Anlagen wurde die jährliche regionale Wertschöpfung damals auf rund 44 Millionen Euro geschätzt. Dazu kommen Einnahmen der Gemeinden aus Windpacht, Wegerechten und Gewerbesteuer. Damit verändert die Energiewende auch die wirtschaftliche Rolle des ländlichen Raums. Flächen, die früher vor allem land- oder forstwirtschaftlich genutzt wurden, können zusätzlich zur Energieerzeugung beitragen.

Kommunen erhalten dadurch neue Einnahmemöglichkeiten, während regionale Betriebe von Planung, Bau, Wartung und technischer Betreuung profitieren können. Entscheidend ist allerdings, dass möglichst viel dieser Wertschöpfung tatsächlich im Kreis bleibt. 

Mit der 2025 gegründeten Energiegesellschaft Rhein-Hunsrück soll dieser Ansatz weiterentwickelt werden. Sie nahm im September vergangenen Jahres ihre operative Arbeit auf. Ziel ist es, über klassische Pachtmodelle hinauszugehen und einen größeren Teil der wirtschaftlichen Effekte erneuerbarer Energien in der Region zu halten. Auch die direkte Nutzung des Stroms rückt stärker in den Mittelpunkt.

Der eigene Bilanzkreis macht diesen Anspruch konkret. Er soll zunächst kommunale Abnahmestellen zusammenführen. Perspektivisch können Erzeugung und Verbrauch in der Region dadurch enger miteinander verknüpft werden. Aus der reinen Stromproduktion wird so zunehmend eine Frage regionaler Infrastruktur.

Wärmewende bleibt große Aufgabe

Photovoltaik gehört neben der Windkraft zu den wichtigen Säulen der erneuerbaren Stromerzeugung - künftig soll mehr davon auch regional genutzt werden. Foto: Neil - stock.adobe.com
Photovoltaik gehört neben der Windkraft zu den wichtigen Säulen der erneuerbaren Stromerzeugung - künftig soll mehr davon auch regional genutzt werden. Foto: Neil - stock.adobe.com

Während der Kreis bei der Stromerzeugung weit vorangekommen ist, steht die Wärmewende noch vor größeren Aufgaben. Die kommunale Wärmeplanung zeigt, dass nur wenige verdichtete Bereiche für größere Wärmenetze infrage kommen. Rund 90 Prozent der Bestandsgebäude liegen dagegen in Einzelversorgungsgebieten. Dort werden vor allem dezentrale Heizlösungen und energetische Sanierungen gefragt sein.

Für Handwerk, Energieberatung und Gebäudetechnik entsteht zugleich ein umfangreiches Arbeitsfeld. Neue Heizsysteme und Sanierungen müssen vor Ort umgesetzt werden. Damit wird die Wärmewende unmittelbar zu einem Thema für regionale Betriebe. Gerade bei älteren Gebäuden entscheidet zudem nicht allein die neue Heizung über den Energieverbrauch. Auch Dämmung, Fenster und die energetische Qualität des Gebäudes spielen eine wichtige Rolle. 

Eng damit verbunden ist die Fachkräftesicherung. Das Transformationsnetzwerk Rhein-Nahe-Hunsrück unterstützt Unternehmen bei Personalgewinnung, Ausbildung und Weiterbildung sowie bei Fragen zur Dekarbonisierung. Investitionen in neue Technik entfalten ihren Nutzen nur, wenn Betriebe über ausreichend qualifiziertes Personal verfügen. Gerade im ländlichen Raum entscheidet deshalb auch der Arbeitsmarkt über das Tempo des Umbaus.

Klimaanpassung und Infrastruktur

Zusätzlich wächst der Anpassungsbedarf durch die Folgen des Klimawandels. Seit Anfang 2025 arbeitet der Kreis an einem Klimaanpassungskonzept, das Risiken durch Starkregen, Hochwasser, Hitze und Trockenheit untersuchen und geeignete Maßnahmen entwickeln soll. Damit erweitert sich die Transformation um eine weitere Aufgabe: Neben der Verringerung von Emissionen müssen Orte, Gebäude und Infrastruktur widerstandsfähiger gegenüber bereits spürbaren Klimafolgen werden. 

Finanziellen Spielraum eröffnet zugleich das Sondervermögen „Rheinland-Pfalz-Plan für Bildung, Klima und Infrastruktur“. Für das Gebiet des Rhein-Hunsrück-Kreises steht ein Regionalbudget von rund 88,7 Millionen Euro zur Verfügung. Zehn Millionen Euro sind für gemeinsame Projekte vorgesehen. Der übrige Betrag wird zwischen Landkreis, Verbandsgemeinden und der Stadt Boppard aufgeteilt. Das Geld kann unter anderem in Bildung, Mobilität, Katastrophenschutz, Verwaltung sowie Energie- und Versorgungsstrukturen fließen. 

Schwerpunkt der Transformation verschiebt sich

Damit verschiebt sich der Schwerpunkt der Transformation. Der Ausbau erneuerbarer Stromerzeugung bleibt wichtig, ist aber längst nicht mehr die einzige Aufgabe. Entscheidend wird, wie Energie vor Ort genutzt wird, wie Gebäude und Infrastruktur angepasst werden und ob genügend Fachkräfte für die Umsetzung zur Verfügung stehen. 

Beim Strom hat der Rhein-Hunsrück-Kreis einen deutlichen Vorsprung aufgebaut. Nun zeigt sich, ob daraus dauerhaft ein Standortvorteil entsteht. Die nächste Phase entscheidet sich daran, wie gut Energieversorgung, Wärme, kommunale Investitionen und regionale Wirtschaft miteinander verbunden werden. red