Draußen ziehen sich Reben über die Hänge von Ahrweiler. Wenige Schritte weiter verschwindet der Weg im Berg – und mit ihm die Leichtigkeit der Weinlandschaft. Hinter schweren Stahltoren beginnt eine Welt aus Beton, Leitungen, schmalen Fluren und künstlichem Licht. Was heute Museum ist, gehörte jahrzehntelang zu den bestgehüteten Einrichtungen der alten Bundesrepublik.
Eine Regierung verschwindet im Berg
Der offizielle Name klang nüchtern: „Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfall“. Bereits 1952 entstanden erste Planungen für einen geschützten Regierungssitz; am 19. Januar 1962 begann der Ausbau. Als Grundlage dienten zwei Tunnel einer nie vollendeten Eisenbahnstrecke. Unter den Weinbergen zwischen Bad Neuenahr-Ahrweiler und Dernau entstand ein Bunkersystem von insgesamt 17,3 Kilometern Länge.
Bis zu 3.000 Menschen sollten dort im Ernstfall bis zu 30 Tage lang arbeiten, schlafen und versorgt werden können. Der Bunker war kein Schutzraum für die Bevölkerung, sondern eine unterirdische Regierungszentrale. Zu seiner Infrastruktur gehörten 897 Büros, 936 Schlafräume, Großkantinen, Sanitäts- und Operationsbereiche sowie Anlagen für Strom, Wasser und Luftversorgung. Sogar ein Friseursalon war vorgesehen.
Gedacht war die Anlage unter anderem für Bundesregierung, Bundespräsident, Vertreter des Bundestages, Ministerialbeamte, Bundeswehrpersonal und weitere Angehörige der Verfassungsorgane. Der Staat sollte auch dann handlungsfähig bleiben, wenn an der Oberfläche Krieg herrschte.
Schmale Betten für die Staatsspitze

Gerade die Nüchternheit der Anlage macht den heutigen Rundgang so eindringlich. Zu sehen sind tonnenschwere Verschlüsse, technische Einrichtungen, Arbeitsräume und Schlafplätze. Die Räume für Bundespräsident und Bundeskanzler wirken beinahe banal. Nur ihnen waren Einzelzimmer zugedacht; das sogenannte Kanzlerbett war eine schmale Feldpritsche.
Luxus war hier nicht vorgesehen. Alles war auf Funktion ausgerichtet. Hinter jedem Detail stand dieselbe Frage: Wie sollte die Bundesrepublik weiterregiert werden, wenn draußen der atomare Ernstfall eingetreten wäre?
Der Ernstfall wurde geprobt
Zum Glück blieb dieser Ernstfall Theorie. Geprobt wurde er trotzdem. Von 1966 an fanden im Regierungsbunker regelmäßig NATO-Stabsübungen statt. Beamte und Entscheidungsträger spielten Krisenszenarien durch und trainierten Abläufe für den Verteidigungsfall.
Nach außen wurde die Anlage streng abgeschirmt. Völlig verborgen blieb sie dennoch nicht. Auch die Staatssicherheit der DDR sammelte Informationen über den Regierungsbunker, seine Zugänge und seine technische Ausstattung. Das vermeintliche Staatsgeheimnis war auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs zumindest in Teilen bekannt.
Vom Staatsgeheimnis zum Erinnerungsort
Mit dem Ende des Kalten Krieges verlor der Bunker seine Aufgabe. 1997 beschloss die Bundesregierung, die Anlage aufzugeben. Große Teile wurden anschließend entkernt und zurückgebaut. Von dem einst 17,3 Kilometer langen System blieben lediglich 203 Meter erhalten.
Dieses Teilstück wurde 2008 als Dokumentationsstätte Regierungsbunker eröffnet. Heute führt der Rundgang durch einen authentischen Rest jener unterirdischen Welt, die jahrzehntelang für einen Krieg bereitgehalten wurde, der niemals eintreten sollte.
Der Regierungsbunker ist deshalb kein „Lost Place“ im klassischen Sinn. Er ist ein bewahrter Originalschauplatz deutscher Zeitgeschichte. Gerade darin liegt seine Wirkung. Wo draußen Weinberge, Wanderwege und die Ahr für eine beinahe idyllische Landschaft stehen, beginnt wenige Meter weiter eine Welt, die von Abschreckung und der Angst vor einem Atomkrieg erzählt.
Am Ende des Besuchs führt der Weg wieder hinaus ins Tageslicht. Die Weinberge sind dieselben wie zuvor. Doch nach 203 Metern unter der Erde sieht man sie mit anderen Augen. red
Dokumentationsstätte Regierungsbunker
Am Silberberg 0
53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler
Telefon: 02641 9117053
E-Mail: regierungsbunker@alt-ahrweiler.de
Öffnungszeiten für Einzelbesucher:
April bis Oktober: Mittwoch, Samstag, Sonntag und Feiertage, 10–16 Uhr
März und November: Samstag und Sonntag, Führungen um 11, 13 und 15 Uhr
Dezember bis Februar: Samstag und Sonntag, Führungen um 12 und 14 Uhr
Die Besichtigung ist nur im Rahmen einer Führung möglich. Sie dauert rund 90 Minuten. Für die regulären Einzelführungen sollte vorab ein Ticket im Onlineshop gebucht werden. Gruppen können nach Anmeldung ganzjährig außer montags geführt werden.
Eintritt inklusive Führung:
Erwachsene 15 Euro, Jugendliche von 13 bis 16 Jahren 8 Euro, Kinder von 8 bis 12 Jahren 6 Euro. Ermäßigungen werden angeboten.
Gut zu wissen:
Im Bunker herrschen ganzjährig etwa 12 Grad. Warme Kleidung ist daher auch im Sommer empfehlenswert.
Aktuelle Informationen und Tickets: www.regbu.de
