Auf zwei Rädern in Bewegung

Wie neue Radwege, E-Bikes und eine wachsende Fahrradkultur Koblenz verändern - und was die Stadt auf dem Weg zur Fahrradstadt noch vorhat

08. Oktober 2026
Auf zwei Rädern in Bewegung

Die Südallee zwischen Markenbildchenweg und Roonstraẞe wird zur Fahrradstraße. Markierungs- und Beschilderungsarbeiten stehen noch aus. Foto: Ralph Emmerich/Stadt Koblenz

Noch ist Koblenz keine Fahrradstadt wie Freiburg oder Münster. Doch neue Verbindungen, E-Bikes und eine wachsende Radkultur bringen Bewegung in die Stadt. Wie das Radbüro und der Koblenzer Hersteller Canyon den Wandel erleben – und was bis zur Fahrradstadt der Zukunft noch fehlt. 

Eine Sechs von zehn würde Koblenz für seine Fahrradfreundlichkeit bekommen, wenn man Tobias Weiß-Bolin, den Radverkehrsbeauftragten im Koblenzer Baudezernat, fragt. Ein positiver Trend, aber mit Luft nach oben, könnte man sagen. Von Fahrradstädten wie Freiburg, Münster oder Bremen sei Koblenz noch entfernt. Das Ziel ist dennoch klar: Radfahren soll für Menschen aller Altersgruppen auf dem Weg zur Arbeit oder Schule, zum Einkauf und in der Freizeit einfacher und attraktiver werden. 

Dabei geht es um mehr als neue Radwege. „Fahrradstadt zu sein ist auch ein Lebensgefühl, für das es sich lohnt, gemeinsam aktiv zu sein.“ Gesundheit, lokale Wirtschaft, Lärmschutz, Flächenverbrauch, Klima- und Naturschutz hängen aus Sicht des Radbüros mit dieser Entwicklung zusammen. Einen Kulturkampf zwischen Verkehrsmitteln brauche es dagegen nicht. Die entscheidende Frage laute nicht „Rad oder Auto?“, sondern: „Rad und Auto und Bus und zu Fuß!“ Gerade auf kurzen Strecken sieht man große Chancen. Wege bis fünf Kilometer ließen sich häufig schneller mit dem Fahrrad als mit dem Pkw zurücklegen. Pedelecs erweitern den Radius zusätzlich und machen die Koblenzer Topographie weniger abschreckend. Sie hätten „das Thema Rad in Koblenz erst richtig vorangebracht“ und machten das Pendeln inzwischen auch für Menschen aus den Umlandgemeinden interessanter. 

Radkultur vor der Haustüre

Das bestätigt man auch im Hause Canyon. „Gerade die Topografie zeigt, welche Rolle E-Bikes inzwischen spielen“, sagt Patrik Schuster von Canyon. Die elektrische Unterstützung senke in Koblenz und seinen umliegenden Hügeln die Hemmschwelle erheblich. Sie erleichtere den Arbeitsweg, öffne das Radfahren für Menschen, die zuvor gezögert haben, und ermögliche längere Strecken. Die wachsende Nachfrage sieht Canyon als Ausdruck eines größeren Trends hin zu flexibler, gesunder und angenehmer Mobilität. 

Für den bekannten Koblenzer Fahrradhersteller Canyon ist Koblenz ideal. „Koblenz liegt uns einfach im Blut“, so Schuster. Hier begann die Geschichte des Familienunternehmens – und auch landschaftlich könnte der Standort für einen Fahrradhersteller kaum passender sein. Rhein und Mosel vor der Tür, dazu Eifel, Hunsrück und Westerwald: Für Entwicklung, Tests und Freizeit findet sich beinahe jedes Terrain in unmittelbarer Nähe. Die Fahrradkultur beginnt somit gleich vor der Haustür: Einsteigern empfiehlt Canyon eine entspannte Tour auf dem Mosel-Radweg Richtung Winningen: flach, landschaftlich reizvoll und ideal zum Genießen. Sportlicher wird es über die Anstiege des Bopparder Hamm hinauf in den Hunsrück. Gravel- und Mountainbike-Fahrer finden dagegen im Stadtwald und in Richtung Eifel ein Netz aus Schotterwegen und technisch anspruchsvolleren Waldstrecken. Ein besonderer Favorit ist die „Gravel Loop“, die direkt am Canyon-Standort beginnt und schnelle Schotterpassagen, ruhige Waldabschnitte und Ausblicke auf die Flusstäler verbindet. 

Mehr unterwegs

Direkt am Rhein entlang: Der 2024/2025 sanierte Leinpfad in Stolzenfels ist Teil des Rheinradwegs und der europäischen Radroute EuroVelo 15. Foto: Ralph Emmerich/Stadt Koblenz
Direkt am Rhein entlang: Der 2024/2025 sanierte Leinpfad in Stolzenfels ist Teil des Rheinradwegs und der europäischen Radroute EuroVelo 15. Foto: Ralph Emmerich/Stadt Koblenz

Dass mehr gefahren wird, zeigen nach Angaben des Radbüros langjährige Zählreihen sowie die Dauerzählstellen in der Casinostraße und auf der Kurt-Schumacher-Brücke. Die bundesweite Mobilitätsstudie MiD 2023 weist gegenüber 2017 allerdings keinen höheren Radverkehrsanteil an allen Wegen aus. 

Sichtbar verändert hat sich dennoch einiges, so der Radverkehrsbeauftragte Tobias Weiß-Bolin. Die Südallee entwickelt sich gemeinsam mit der Casinostraße zur Nord-Süd-Radachse im Zentrum; die Fahrradstraße soll bis zur St. Josef-Straße weitergeführt werden. Uferwege in Kesselheim, Metternich, Stolzenfels, Horchheim und Pfaffendorf wurden saniert. Neue oder verbesserte Radverkehrsanlagen entstanden unter anderem an Trierer Straße, Wallersheimer Weg, Beatusstraße und Mainzer Straße. Auch Kreuzungen stehen im Fokus, etwa in Metternich und am Fuß der Balduinbrücke in Lützel. Manchmal können schon kleine Eingriffe viel bewirken – beispielsweise die Freigabe einer Einbahnstraße für Fahrräder in Gegenrichtung. 

Für neue Formate wie autofreie Sonntage, Fahrradaktionstage oder gemeinsame Touren sei die Stadt offen – zugleich brauche eine lebendige Fahrradkultur das Engagement von Vereinen, Verbänden und der Radcommunity. „Andere Fahrradstädte zeigen, wie gemeinsame Aktionen Lust aufs Radfahren machen und Menschen verbinden. Auch in Koblenz und der Region wächst eine aktive Radszene, deren Ausfahrten wir mit großem Interesse verfolgen. Wo es unsere Kapazitäten erlauben, begleiten wir solche Initiativen gern, informieren über Projekte und nehmen Anregungen auf, wie zuletzt auch auf der Fahrradmesse auf dem Schängelmarkt“, sagt der Radverkehrsbeauftragte. 

Für die Radcommunity ist Canyon sicher ebenfalls ein Treffpunkt geworden, wo sich die Gemeinschaft und Radsportbegeisterte aus aller Welt bei einem Kaffee auf dem Campus treffen oder sich über die neusten Techniken und Trends informieren und austauschen. 

Radstadt der Zukunft

Für Patrik Schuster von Canyon ist weniger eine einzelne Infrastrukturmaßnahme entscheidend als das große Ziel: Radfahren müsse in Koblenz sicherer, einfacher und selbstverständlicher werden – bis eine ruhigere, entspanntere Stadt entsteht, in der Menschen jeden Alters ihre Alltagswege mit dem Rad zurücklegen. Tobias Weiß-Bolin macht diese Vision konkret: Wer heute noch Auto fährt, soll künftig erleben, dass Radfahren nicht Stress, sondern Freude bedeutet – auf ausreichend breiten Wegen, mit fahrradgerechten Ampeln, sicheren Abstellmöglichkeiten und Arbeitgebern, die Stellplätze, Umkleiden und Duschen bieten. Für ihn stellt der Fahrradfahrer der Zukunft fest, dass immer mehr los ist auf den Radwegen und die Stadt die Aufstellflächen und Wegebreiten vergrößern muss, damit alle Platz finden. Kolja Matzke