

Wer durch den Altengraben läuft, schaut meist auf die Schaufenster. Dabei lohnt es sich, den Blick zu heben. Denn eine der ältesten Straßen von Koblenz hat einiges zu erzählen. Ihre gebogene Form folgt dem Verlauf der einstigen römischen Stadtmauer. In manchen Kellern stecken noch Reste alter Befestigungen. Bis 1967 fuhr hier die Straßenbahn zum Plan. Inhabergeführte Fachgeschäfte prägten das Straßenbild, bevor 1978 die Fußgängerzone eingeweiht wurde. Seitdem hat sich vieles verändert. Geblieben sind Häuser, deren Fassaden Geschichten erzählen.
Besonders deutlich wird das an der Alten Schirmfabrik im Altengraben 21. Dort gründete die aus Frankreich stammende Familie Genevrière 1818 eine Schirmmanufaktur. Sechs Generationen lang wurden hier Schirme hergestellt, verkauft und repariert. Ab den 1950er-Jahren gehörte der Betrieb zu den wenigen Handwerksunternehmen, die den „Original Knirps“ selbst konfektionieren durften.
Das Haus selbst ist noch älter. Historische Gewölbekeller und ein erhaltenes Stück der alten Stadtmauer zeugen von seiner langen Geschichte. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Keller benachbarter Häuser durch Fluchtgänge miteinander verbunden, um bei Bombenangriffen zusätzliche Schutzmöglichkeiten zu schaffen. Auch die Schirmfabrik wurde im Krieg in Mitleidenschaft gezogen und nach 1952 mit einem Stockwerk und neuem Dachgeschoss aufgestockt. Der untere Teil mit der gebogenen Scheibenform geht auf das Jahr 1912 zurück und wurde originalgetreu wiederhergestellt.
Ein Blickfang ist bis heute das ungewöhnliche Schaufenster mit seiner gebogenen Scheibe. Es erinnert an die Zeit, als hier noch Schirme gefertigt und verkauft wurden. Die originale Werkstatt wurde 2019 ausgebaut und anschließend im Freilichtmuseum Roscheider Hof bei Konz wiedererrichtet. Seit 2020 kann man dort erleben, wie das traditionelle Schirmmacherhandwerk funktionierte.
Nun soll die Alte Schirmfabrik ein neues Kapitel aufschlagen. Die neuen Eigentümer, eine deutsch-französische Familie, möchten das historische Gebäude wiederbeleben. Angedacht sind Nutzungen rund um Wohnkultur, Tourismus, Gastronomie und kreative Angebote. Die Fassade soll behutsam restauriert werden. Auch der Name Genevrière und das auf 1530 datierte Familienwappen sollen erhalten bleiben.
Nur wenige Schritte entfernt wartet eine weitere Entdeckung. Wer vor dem Haus Altengraben 50 stehen bleibt und nach oben schaut, entdeckt einen elegant gekleideten Herrn mit großem Schnurrbart. Selbstgefällig betrachtet er seinen Zylinder im Handspiegel. Daneben finden sich kunstvolle Blumenkränze, Hüte und reich verzierte Brüstungsgitter. Die Fassade wurde 1907 mit neobarocken und Jugendstilelementen neugestaltet. Eine Fratze im unteren Bereich, ein sogenannter Maskaron, erinnert an den alten Brauch, mit solchen Figuren Unheil abzuwehren.
Hinter dieser Fassade steckt die Geschichte des Huthauses Staaden. 1827 eröffnete Kappenmacher Johann Heinrich Staaden hier sein Geschäft. Über fünf Generationen bediente das Unternehmen einen treuen Kundenstamm. Damals gehörte der Hut zur selbstverständlichen Ausstattung eines gut gekleideten Mannes – für den Alltag ebenso wie für besondere Anlässe.
1944 wurde das Stammhaus bei Bombenangriffen schwer beschädigt, die eigene Werkstatt zerstört. Anton Staaden machte sich an den Wiederaufbau und erlebte 1952 noch das 125-jährige Firmenjubiläum. Sein Sohn Gerd führte das Geschäft weiter und feierte 1977 das 150-jährige Bestehen. Mit seinem Tod 1981 endete die Firmengeschichte. Das Haus blieb in Familienbesitz, seine Fassade steht heute unter Denkmalschutz.
Damit der Altengraben nicht nur von seiner Vergangenheit lebt, haben sich Hausbesitzer, Anwohner und Gewerbetreibende zum „Arbeitskreis Altengraben“ zusammengeschlossen. Gemeinsam setzen sie sich für die Attraktivität der Straße ein. Denn zwischen den Geschäften von heute stecken noch immer die Geschichten von gestern. Man muss nur gelegentlich stehen bleiben und nach oben schauen.
Nach einem Beitrag von Gabriele Altmann-Wolf, Boris Köth und Jürgen Potratz
