„Wir wollen viel Blut sehen“

Intendant und Regisseur Markus Dietze, Co-Regisseurin Marie-Theres Schmidt und Bühnen- und Kostümbildner Christian Binz freuen sich auf die Neuinszenierung des Musicals „Sweeney Tod“ unter freiem Himmel auf der Festung Ehrenbreitstein

11. Juni 2026
„Wir wollen viel Blut sehen“

Sie hatten mörderischen Spaß bei der Neuinszenierung des Musicals Sweeney Todd The Demon Barber of Fleet Street: Christian Binz (Bühnenund Kostümbildner), Marie-Theres Schmidt (Co-Regisseurin) und Markus Dietze (Intendant und Regisseur). Foto: Theater Koblenz

Wenn im Juli auf der Festung Ehrenbreitstein die Sonne langsam hinter dem Rhein verschwindet, dann erwartet das Publikum kein romantisches Opernidyll - sondern Rasiermesser, Rache und reichlich Kunstblut. Mit Stephen Sondheims Musical Sweeney Todd bringt das Theater Koblenz einen düsteren Klassiker zurück nach Koblenz - diesmal auf die Sparkassenbühne. Und obwohl das Stück bereits vor 17 Jahren im Großen Haus am Deinhardplatz lief, machen die Verantwortlichen schnell klar: Eine Wiederholung wird das ganz sicher nicht.

Ein Klassiker kehrt völlig neu zurück

„Das ist das gleiche Stück. Ja, musikwissenschaftlich ist das auch richtig, aber sonst unter keinem anderen Aspekt“, sagt Markus Dietze lachend. Wer die damalige Produktion gesehen habe, werde diesmal „einen komplett anderen Eindruck“ bekommen. Denn allein der Spielort zwingt zu neuen Ideen. Der Festungsgraben sei eben kein viktorianisches London mit engen Nebelgassen und düsteren Hinterhöfen - sondern eine Freilichtbühne mitten im Hochsommer.

Und genau darin liegt die Herausforderung. „Mit schwarzgewandeten, verkniffenen viktorianischen Gruselgestalten bei 30 Grad im Schatten und 60 Minuten voller Sonneneinstrahlung können wir kein Gruseln erzeugen“, sagt Christian Binz und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu, „außer bei den DarstellerInnen vielleicht.“ Also musste ein anderer Zugang her. Herausgekommen ist eine faszinierende Neuinterpretation: Statt im London des 19. Jahrhunderts spielt diese Version in einer dystopischen Welt der 1950er und 60er-Jahre - irgendwo zwischen Nachkriegsengland und Atomzeitalter.

Der Schrecken sitzt tiefer

Die Geschichte selbst bleibt dabei erschreckend aktuell. Der Barbier Benjamin Barker, später bekannt als Sweeney Todd, kehrt nach Jahren der Verbannung zurück, um Rache an dem korrupten Richter Turpin zu nehmen - einem Mann, der seine Familie zerstört hat. Das Ergebnis ist ein blutiger Albtraum über Machtmissbrauch und Gewalt.

„Für mich ist es ein kaputtes System, ein destruktives System“, beschreibt Markus Dietze den Kern der Inszenierung. Der Horror entstehe nicht allein durch die berühmten Rasiermesser-Szenen, sondern durch die Gesellschaft dahinter: „Ein dystopisch-faschistoides System, das dieser Richter etabliert hat.“

Sondheim trifft auf großes Freilichttheater

Trotz aller Finsternis soll der Abend aber vor allem eines werden: großes Unterhaltungstheater. Denn Stephen Sondheim gilt längst als einer der bedeutendsten Musicalkomponisten überhaupt. „Wir sind mit Musicals von Stephen Sondheim definitiv in einer Liga mit den größten Komponisten und Textdichtern der Theatergeschichte“, sagt das Team voller Respekt. Das Werk sei „musikalisch anspruchsvoll“, zugleich aber voller „packender Melodien“ und „eingängiger Themen“.

Besonders spannend: Die Produktion entsteht diesmal als gemeinschaftliche Regiearbeit. Regisseur Markus Dietze holte sich Unterstützung von Marie-Theres Schmidt, die das Theater Koblenz nach vielen Jahren in Richtung München verlassen wird. Für beide ist die Zusammenarbeit auch ein persönlicher Abschied. „Das ist ein schöner gemeinsamer Abschluss“, findet auch Marie-Theres Schmidt. „Das Stück ist sowohl musikalisch anspruchsvoll, hat aber auch eingängige Melodien, ist unterhaltsam, birgt aber doch für uns als Inszenierende so einige Aufgaben.“

Kunstblut wird zur Wissenschaft

Und während auf der Bühne gemordet wird, beschäftigt man sich hinter den Kulissen mit ganz praktischen Fragen: Wie viel Blut braucht ein Musical wie Sweeney Todd eigentlich? Die Antwort: sehr viel. Und offenbar ist Kunstblut eine Wissenschaft für sich.

„Der Aspekt Blut am Theateroder Filmset ist eine eigene chemische Wissenschaft“, erklärt Christian Binz ernsthaft und amüsiert zugleich. Farbe, Konsistenz, Lichtwirkung, Rutschgefahr - alles müsse getestet werden. „Welche Viskosität hat es? Welche Farbe sieht im Licht gut aus?“ Selbst die Reinigung der Kostüme und die richtigen Schuhsohlen spielen eine Rolle.

Denn diesmal gilt ausdrücklich nicht die Devise „weniger ist mehr“. Ganz im Gegenteil: „Wir wollen Blut sehen, wir wollen viel Blut sehen.“

Dass das Publikum davon am Ende vor allem die perfekte Illusion wahrnehmen soll, versteht sich von selbst. Gerade auf der Festung sei das eine besondere Herausforderung. Keine Seitenbühnen, keine schnellen Umbauten, kein klassischer Blackout - vieles müsse völlig neu gedacht werden. „Es darf niemals so aussehen, als sei es ein Kompromiss“, betont Dietze.

Theaterabend mit musikalischer Wucht

Und genau deshalb dürfte Sweeney Todd auf der Festung Ehrenbreitstein weit mehr werden als ein nostalgisches Wiedersehen. Es wird ein sommerlicher Theaterabend voller Schauwerte, schwarzem Humor, düsterer Bilder und musikalischer Wucht - irgendwo zwischen Horrorfilm, Gesellschaftssatire und Rockoper.

Oder, um es mit den Worten der Macher zu sagen: „Die Zuschauerinnen und Zuschauer werden einen tollen Abend haben.“ Vermutlich mit einem etwas mulmigen Blick auf die nächste Fleischpastete. Petra Dettmer