Wer glaubt, der Gipfel der karnevalistischen Ekstase sei am Rosenmontag erreicht, der hat wahrscheinlich noch nie in Koblenz einen Fuß in die Veranstaltung für „Menschen mit Handicap“ gesetzt. Denn dieses Event ist keine gewöhnliche Sitzung. Vielmehr ist es ein Ausbruch der puren Lebensfreude. Ein emotionales Feuerwerk, das seit 1990 die Herzen zum Schmelzen bringt. Hier wird Inklusion nicht bloß buchstabiert, hier wird sie getanzt, gelacht und lautstark gefeiert.
Die Traditionsveranstaltung ist ein echtes Gemeinschaftswerk: Der Behinderten- und Rehabilitationssport-Verband Rheinland-Pfalz (BSV) und die Arbeitsgemeinschaft Koblenzer Karneval (AKK) ziehen hier an einem Strang. Gemeinsam stellen sie das wahrscheinlich größte Event dieser Art in der gesamten Bundesrepublik auf die Beine. Dass diese Sitzung heute eine solche Institution ist, verdanken wir unter anderem Heinz Kölsch. Fast drei Jahrzehnte lang hielt er als Motor und Moderator das Zepter in der Hand, bevor er die Leitung 2019 weitergab.
Auch diesmal wurde nicht lang geschwätzt, sondern ordentlich gefeiert. Der Schwerpunkt lag wie immer auf Musik, Bewegung und Interaktion. Es war barrierefreies Feiern im wahrsten Sinne des Wortes! Die Fröhlichkeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer war so entwaffnend natürlich, dass sie jeden ansteckte. Auch Prinz Oli und Confluentia Ricarda ließen sich nicht lange bitten: Zusammen mit ihrem Hofstaat waren sie häufig in der Menschenmenge vor der Bühne zu finden. Dort tanzten sie ausgelassen mit vielen der Behinderten. Und genau das war ein Teil dessen, was die Handicap-Sitzung so besonders macht.

Der Abend hatte pünktlich um 18.30 Uhr mit dem Einmarsch der AKK-Tanzgarde begonnen – gefolgt von der offiziellen Begrüßung durch AKK-Vize Yannik Port und der Medien-Beauftragten Jennifer de Luca. Beide führten in Vertretung des erkrankten AKK-Präsidenten Andreas Münch gekonnt und charmant durch das Programm.
Kurze Zeit später wurde es majestätisch: Das Prinzenpaar samt Hofstaat zogen mit großem Pomp ein. Doch in diesem Jahr gab es eine Besonderheit, die für Gänsehaut sorgte: Confluentia Ricarda und Prinz Oli hatten im Vorfeld die Rhein-Mosel-Werkstatt besucht, um gemeinsam mit Menschen mit Beeinträchtigung und den Kindern ihres Vereins einen ganz speziellen Orden zu entwerfen. Die Künstlerin Sarah Gerhard, die maßgeblich an diesem Entwurf beteiligt war, wurde unter tosendem Applaus auf der Bühne mit dem Prinzenorden geehrt. Ein Moment, der zeigte: Kreativität kennt keine Barrieren. Als BSV-Vertreterin erhielt auch Ramona Stricker das Kleinod.
Das Programm feuerte im Viertelstundentakt Highlights ab: Ob Daniel Ferber oder die „SchängelBrass“-Truppe – die Bühne vibrierte. Thorsten Müller und die „Jeck Eleven“ sorgten dafür, dass auch die letzte Rollstuhl-Bremse gelöst wurde. Und natürlich hatte das Programm auch tänzerisch viel zu bieten: Von den Kapuzemännern (bzw. Kapuzefrauen) sowie den „Funny Girls and Boys“ der Fidele Mädcher Wallersheim bis hin zu den Showtanzgruppen des HCV und des CCKK.
Doch der Koblenzer Karneval hört an der Hallentür nicht auf: Wer die Inklusion auf die Straße bringen will, braucht Räder. Hier kommen seit Jahren die KG Rheinfreunde und die Narrenzunft „GelbRot“ ins Spiel. Gemeinsam haben sie den „Inklusionswagen“ geschaffen – ein echtes technisches Wunderwerk mit einer elektrischen Rampe, Platz für zehn Personen (darunter zwei Rollstuhlfahrer) und sogar einer rollstuhlgerechten Toilette. Auf diese Weise sorgt der Wagen dafür, dass Menschen mit Einschränkungen nicht nur am Straßenrand stehen, sondern auch beim Rosenmontagszug mitten dabei sein können. Dirk Förger
