Interview: „Irgendeiner quatscht immer ins Ohr“ - Rosenmontag mit dem Zugmarschall

Ein Gespräch mit Zugmarschall Olav Kullak über Verantwortung, Funkgeräte und Entscheidungen beim Koblenzer Rosenmontagszug.

24. Januar 2026
Zugmarschall Olav Kullak. Foto: Dirk Förger
Zugmarschall Olav Kullak. Foto: Dirk Förger

Während hunderttausende Jecken Kamelle sammeln und feiern, trägt er die Verantwortung für einen der größten Umzüge in Rheinland-Pfalz: Als Zugmarschall der Arbeitsgemeinschaft Koblenzer Karneval koordiniert Olav Kullak den Rosenmontagszug – mit Funk im Ohr, Sicherheitskonzept im Kopf und Entscheidungen, die im Ernstfall niemand sonst treffen kann. Er ist einer der wichtigsten Menschen hinter den Kulissen des Koblenzer Karnevals. 

Herr Kullak, was macht ein Zugmarschall eigentlich?

Der Zugmarschall ist eine Funktion innerhalb der Arbeitsgemeinschaft Koblenzer Karneval (AKK) und zuständig für alle Außenveranstaltungen. Das beginnt am 11.11., geht über Erstürmungen und Karnevalswochenende bis hin zum Rosenmontag. Der Rosenmontagszug ist dabei der Höhepunkt – aber eben nicht der einzige.

Sichtbar sind Sie für die meisten nur am Rosenmontag.

Genau. An dem Tag sitze ich vorne auf dem ersten Wagen, mit dem weißen Puschel. Das sieht schön aus – ist aber mit Abstand der stressigste Tag des Jahres. Ich habe zwei Knöpfe im Ohr: Auf der einen Seite Funkkontakt zu Sicherheitsdienst und Absperrpunkten, auf der anderen Seite die direkte Verbindung zur Einsatzleitung der Polizei. Und ja: Irgendeiner quatscht immer. Es gibt eigentlich keine ruhige Minute.

Was passiert über den Funk?

Hauptsächlich geht es um den Zugablauf. Meldungen wie: „Hier ist eine Lücke.“ Dann lasse ich vorne anhalten oder langsamer fahren, damit der Zug wieder zusammenschließt. Unser Ziel ist ein harmonischer, geschlossener Zug. Früher gab es Lücken von 20 Minuten – das wollen wir heute unbedingt vermeiden. 

Der Rosenmontagszug wirkt spontan – wie viel Planung steckt dahinter?

Sehr viel. Für jede Großveranstaltung muss ein Antrag nach § 26 POG gestellt werden – ein halbes Jahr im voraus. Für den 11.11. beantrage ich die Veranstaltung im Mai, spätestens sechs Wochen vorher muss das Sicherheitskonzept stehen. Wir sitzen mindestens zweimal jährlich mit allen Behörden zusammen: nach der Session zur Nachbereitung und im Herbst zur Planung. Das ist ein echter Austausch – was lief gut, was nicht, was hat sich an Vorschriften oder Bedrohungslagen geändert.

Sie kommen selbst aus dem Brandschutz. Hilft das?

Absolut. Ich bin bei der Berufsfeuerwehr der Stadt Koblenz und habe früher genau in der Abteilung gearbeitet, die solche Veranstaltungen bewertet. Deshalb weiß ich, warum es zum Beispiel so wichtig ist bei der Aufstellung eine Rettungsgasse freihalten müssen. Ich erkläre den Gruppenleitern immer wieder: bitte alle rechts einordnen, niemand überholt, damit Feuerwehr und Rettungsdienst durchkommen. Das ist nicht Schikane, das ist Sicherheit. 

Die Aufstellung scheint besonders kompliziert zu sein.

Das ist sie auch – und wird jedes Jahr schwieriger. Wir können den Zug nicht mehr in einer Linie aufstellen, unter anderem wegen baulicher Veränderungen wie der Seilbahn. In diesem Jahr erschweren die Fahrbahnverengungen am Moselufer die Aufstellung zusätzlich.

Die ersten Gruppen stehen an der Rheinstraße, andere am Konrad-Adenauer-Ufer, weitere bis zur Mosel. Mit neuen Gruppen muss ich jedes Jahr neu tüfteln. Das ist ein ziemliches Puzzle.

Gibt es eine Begrenzung der Zugteilnehmer?

Nein, aktuell nicht. Ich beantrage die Aufstellung und muss auch die Auflösung sicher hinbekommen. Das hat bis jetzt immer gut funktioniert. Nach Corona war es kurz etwas weniger, jetzt steigt die Zahl wieder. Ich bin aber ein entschiedener Gegner von Startgeldern für Zugteilnehmer. In Köln muss jeder Fußläufer 800 Euro bezahlen. Wer auf einem Wagen mitfährt 2500! Das ist mir alles zu kommerziell. Unser Rosenmontagszug ist familiär. Dennoch brauchen auch wir Geld. Wir wollen aber nicht die Akteure noch zusätzlich bezahlen lassen. Die haben schon viel Geld für Kostüme, Wagen und Wurfmaterial ausgegeben. 

Wofür braucht die AKK das Geld für den Zug?

Der Rosenmontagszug kostet die AKK rund 80.000 Euro, allein für Organisation: Sicherheitsdienst, Funktechnik, Reinigung, Versicherungen, Kapellen, GEMA. Die Musikkapellen sind ein großes Thema – wir haben dieses Jahr 16, die kosten schnell 20.000 bis 25.000 Euro.

Sie nehmen auch die Karnevalswagen ab?

Ja. In der Woche vor Karneval fahren wir drei Tage lang mit einer Kommission durch die Stadt: Straßenverkehrsbehörde, Zulassungsstelle, Polizei und ich für die AKK. Jeder Wagen mit Umbauten braucht eine Abnahme. Ich sammle alle Versicherungen und Gutachten ein und habe am Rosenmontag vorne einen dicken Ordner, damit im Ernstfall alles sofort vorliegt.

Am Zugtag selbst müssen Sie auch Entscheidungen treffen.

Ja – und das kann sehr einsam sein. Ein Beispiel: Letztes Jahr bekam ich während des Zuges die Information, dass in Mannheim ein Fahrzeug in eine Fußgängerzone gefahren ist. Da stehe ich vorne, ohne Vorstand um mich herum, und muss entscheiden: Abbrechen oder weiterfahren? 150.000 Menschen am Straßenrand, 5.000 im Zug – ein Abbruch hätte Chaos bedeutet. Also habe ich entschieden weiterzufahren. Die Polizei hat die Sicherheitsmaßnahmen erhöht, aber mir die Entscheidung überlassen. 

Trägt man diese Verantwortung allein?

In dem Moment: ja. Später habe ich sofort den Vorstand informiert. Aber vorne im Zug rattert der Kopf gewaltig. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht – das muss man ehrlich sagen.

Was ist der schönste Teil Ihres Jobs?

Es ist die Gesamtheit. Natürlich macht es Spaß, vorne zu stehen und den Zug zu präsentieren. Man braucht dafür auch eine gewisse Bühnenfestigkeit–wer extrem introvertiert ist, tut sich schwer, vor 150.000 Menschen Stimmung zu machen.

Aber am Ende ist es dieses Gefühl: Es hat funktioniert. Alle sind heil durchgekommen, die Leute waren glücklich. 

Sie machen das seit vielen Jahren. Denken Sie ans Aufhören?

Ich mache das jetzt seit zwölf Jahren. Ich bin nicht amtsmüde, aber ich weiß, dass es irgendwann einen Übergang geben muss. Ideal wäre, jemanden vier Jahre mitzunehmen und dann zu übergeben. Irgendwann würde ich gerne mit meiner Frau auf der Ehrentribüne stehen – und den Zug mal ganz entspannt anschauen.

Das Interview führte Petra Dettmer