Deutschland und die Fußball-WM, das war über Jahrzehnte eine ziemlich verlässliche Erfolgsgeschichte. Titel, Finaldramen, Jahrhundertspiele – kaum eine Nation hat das Turnier so geprägt. Doch die jüngere Vergangenheit hat gezeigt: Glanz von gestern gewinnt keine Spiele von morgen.
Vom Wunder zur Weltmacht
Die deutsche WM-Historie beginnt nicht mit Dominanz, sondern mit einem Mythos. 1954, Bern, Regen, Ungarn: Ausgerechnet gegen die übermächtige Mannschaft um Ferenc Puskás gelang der Bundesrepublik das „Wunder von Bern“. Der 3:2-Finalsieg machte Fritz Walter, Helmut Rahn und Co. unsterblich – und den Fußball endgültig zum Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte.
20 Jahre später folgte der nächste große Wurf. 1974 wurde die DFB-Elf im eigenen Land Weltmeister. Franz Beckenbauer führte als Kapitän eine Mannschaft an, die im Finale die Niederlande um Johan Cruyff stoppte. Vorher hatte es aus deutscher Sicht aber noch einen ganz besonderen Stich gegeben: In der Vorrunde gewann die DDR in Hamburg durch Jürgen Sparwassers Tor mit 1:0 gegen die Bundesrepublik. Der Titel ging am Ende trotzdem an Beckenbauer, Gerd Müller, Sepp Maier und Co. Deutschland hatte sich endgültig als Turniernation etabliert: schwer zu schlagen, nervenstark, oft genau dann am besten, wenn es zählte.
Finals, Frust und große Figuren
Die 80er-Jahre brachten zwei verlorene Endspiele, 1982 gegen Italien und 1986 gegen Argentinien. Doch 1990 nahm die Mannschaft von Franz Beckenbauer Revanche. Lothar Matthäus prägte das Turnier, Andreas Brehmes Elfmeter im Finale von Rom machte Deutschland zum dritten Mal zum Weltmeister. Es war der letzte Titel vor der Wiedervereinigung – und zugleich ein historischer Fußballmoment. Danach blieb Deutschland lange nah dran, aber nicht oben.
1994 und 1998 endete der Weg jeweils im Viertelfinale. 2002 führte Oliver Kahn eine robuste Mannschaft mit starken Momenten bis ins Finale, in dem Brasilien zu viel Klasse hatte. 2006 verwandelte die Heim-WM das Land in ein Sommermärchen, sportlich blieb nach dem Halbfinal-Aus gegen Italien immerhin Platz drei. Vier Jahre später wurde die junge Mannschaft in Südafrika erneut Dritter – mit Tempo, Spielfreude und dem Gefühl, dass etwas Großes wachsen könnte.
Der vierte Stern und der Absturz
2014 war es so weit. In Brasilien holte Deutschland den vierten Stern. Das 7:1 im Halbfinale gegen den Gastgeber wurde zum Jahrhundertspiel, das 1:0 im Finale gegen Argentinien durch Mario Götze zum perfekten Schlussbild. Miroslav Klose krönte sich nebenbei zum besten WM-Torschützen der Geschichte, Philipp Lahm stemmte den Pokal in den Nachthimmel von Rio.
Doch seitdem hat die deutsche WM-Geschichte Kratzer bekommen. 2018 in Russland kam das Aus schon in der Vorrunde, 2022 in Katar wieder. Aus der fast sicheren Turniermaschine wurde eine Mannschaft, die sich neu beweisen muss. Die Vergangenheit liefert genug Größe für ein ganzes Fußballmuseum. Für die Gegenwart hilft sie nur bedingt. Gerade deshalb ist die deutsche WM-Historie vor 2026 so spannend: Sie erzählt von Wundern, Weltmeistern und Willenskraft – aber auch davon, dass jeder Stern neu verdient werden muss. red
