
Wenn in Russland der Winter beginnt und die ersten Schneeflocken über die Felder wehen, erzählen Eltern ihren Kindern eine alte Geschichte: dass irgendwo tief in der Taiga ein alter Mann mit langem, weißem Bart lebt - Väterchen Frost, Ded Moros. Mit seiner Troika, dem Dreigespann aus Pferden, gleitet er durch die schneebedeckte Landschaft und bringt den Kindern zum Jahreswechsel Geschenke. Auf Bildern ähnelt er dem Weihnachtsmann, doch sein Charakter, seine Rolle und seine Herkunft unterscheiden sich deutlich.
Mehr als ein Weihnachtsmann in Blau und Weiß
In modernen Darstellungen trägt Ded Moros manchmal einen roten Mantel. Traditionell jedoch ist er in Eisblau und Weiß gekleidet - Farben des Winters. Sein Gewand ist lang, pelzbesetzt und reich bestickt. In der Hand hält er ein Szepter, mit dem er alles gefrieren lassen kann, was es berührt.
An seiner Seite steht fast immer seine Enkelin Snegurotschka, das Schneemädchen. Diese Figur existiert nur im Osten Europas und macht den Auftritt des Väterchen Frost unverwechselbar. Gemeinsam besuchen sie Feste, feiern mit Familien und bringen - je nach Region entweder in der Neujahrsnacht oder am 6. Januar ihre Gaben.
Ursprung in der slawischen Mythologie
Bevor er zu einer freundlichen Gestalt wurde, war Väterchen Frost ein mächtiger Wintergeist der Morosko der alten slawischen Überlieferungen. Er konnte Kälte bringen, den Boden gefrieren lassen, den Winter verlängern oder mildern. Er war kein Dämon im heutigen Sinne, sondern eine Naturkraft - gefürchtet, aber auch verehrt, weil von ihm abhing, ob die Menschen Nahrung hatten oder Hunger litten. Erst später, im Laufe vieler Generationen, verwandelte sich diese Figur in einen milden, menschenfreundlichen Begleiter.
Ein Märchen, das seinen Charakter formte
Im 19. Jahrhundert tauchte Väterchen Frost erstmals in Märchenform auf - und genau dieses Märchen gab ihm jene Eigenschaften, die ihn bis heute prägen. Es erzählt von einem fleißigen Mädchen, das unter der Härte seiner Stiefmutter leidet. Diese bevorzugt ihre eigene Tochter, die faul und trotzig ist, und zwingt den Vater, das Stiefkind in einer eisigen Winternacht im Wald auszusetzen.
Frierend kauert das Mädchen zwischen den Bäumen, als Väterchen Frost erscheint: groß, würdevoll und mit seinem Szepter in der Hand. Er erkennt die Güte des Kindes und bringt ihm einen warmen Mantel, eine Truhe voller Reichtümer und schließlich ein Kleid, bestickt mit Silber und Gold.
Währenddessen bereitet die Stiefmutter zu Hause bereits den Leichenschmaus vor - überzeugt davon, dass das Mädchen längst erfroren sei. Doch der Vater kehrt mit der lebendigen, reich beschenkten Tochter zurück.
Von Gier getrieben, schickt die Stiefmutter nun ihre eigene Tochter in den Wald. Doch diese begegnet Väterchen Frost frech und unfreundlich. Diesmal zeigt er seine strenge Seite: Er berührt sie mit seinem Szepter- und die böse Tochter erstarrt zu Eis.
Wie in vielen mitteleuropäischen Märchen - von Frau „Holle“ bis „Aschenputtel“ - wird Tugend belohnt und Bosheit bestraft. Dieser moralische Kern prägt das Bild des Väterchen Frost bis heute.
Vom Märchen in den Alltag
Mit der Zeit wurde Ded Moros zu einem festen Bestandteil der russischen Kultur. Während der sowjetischen Ära, als religiöse Weihnachtstraditionen unerwünscht waren, rückte er an die Stelle des Weihnachtsmannes und übernahm die Rolle des Geschenkebringers zum Neujahrsfest.
Heute begegnet man ihm in Schulen, auf öffentlichen Plätzen oder bei großen Neujahrveranstaltungen. Kinder freuen sich auf sein Kommen, sehen seine Troika aus der Ferne oder begegnen Snegurotschka, die Geschichten erzählt und Lieder singt.
Andere osteuropäische Länder übernahmen die Figur - oft mit eigenen Namen und leicht abgewandelter Kleidung. Doch überall bleibt der Kern derselbe: Väterchen Frost bringt Licht und Freude mitten in die dunkelste Zeit des Jahres.
Ein Wohnsitz im hohen Norden
Offiziell lebt Ded Moros im nordrussischen Veliky Ustyug, einer Kleinstadt am Rande unendlicher Wälder. Dort empfängt er jedes Jahr tausende Briefe von Kindern - Wunschzettel, Zeichnungen, Gedichte.
Wenn er nicht gerade antwortet, so erzählt man sich, fährt er mit seiner Troika durch die verschneiten Wälder der Taiga - als Hüter des Winters und als Figur, die sich über Jahrhunderte hinweg immer wieder neu erfunden hat. red
