Heimat, die überrascht und schmeckt

Schlicht. Esslokal bringt zeitgemäße Gastronomie nach Koblenz

08. Oktober 2026
Heimat, die überrascht und schmeckt

Rebecca Fischer und Richard Sänger haben mit dem Schlicht. Esslokal ihren eigenen gastronomischen Weg eingeschlagen - konsequent regional, saisonal und bewusst reduziert. Foto: Sophia Schillik

Der Blick von außen passt zum Namen: Im Vorbeifahren ist kaum zu bemerken, dass hinter dem Schaufenster am Anfang der Moselweißer Straße ganz besondere Genüsse warten. Und auch die Ausstattung des kleinen Restaurants mit offener Küche ist wertig, aber durchaus schlicht. Sehr vielversprechend ist hingegen der Duft, der beim Betreten des Restaurants in die Nase steigt. Was hier auf den Teller kommt, hat – zumindest gedanklich – einen erstaunlich großen Radius. Rebecca Fischer und Richard Sänger arbeiten ausschließlich mit dem, was in Deutschland wächst, gedeiht und produziert wird. 

Alle Zutaten stammen aus heimischer Produktion, die meisten sogar aus der Region. Auf manch exotische Zutaten, die anderswo zum selbstverständlichen Grundstock der Küche gehören, wird im Schlicht bewusst verzichtet. Herkunft und Saison bestimmen, was gekocht wird. Eine Demonstration dafür gibt’s während des Gesprächs mit den Inhabern am Nachmittag im Restaurant: Plötzlich geht die Tür auf, und eine Lammkeule aus Lahnstein für die Menüs am Abend wird geliefert.

„Das zeigt unseren wichtigsten Ansatz: Wir arbeiten mit der Region und der Saison“, erklärt Fischer. Dafür braucht es ein gewachsenes Netzwerk. Die Produzenten der Lebensmittel sind persönlich bekannt. Der Großteil der Zutaten kommt aus der näheren Umgebung. Kräuter und Pilze werden von einer Mitarbeiterin gesammelt – selbstverständlich mit Genehmigung. 

Rebecca Fischer hatte von Kind auf ein besonderes Talent beim Schmecken und Kochen. Zunächst hielt sie das aber nicht für besonders wichtig – und studierte nach dem Schulabschluss Geografie. Das Studium finanzierte sie mit Jobs in der Gastronomie und kochte auch privat mit großer Leidenschaft. „Ich habe lange nicht verstanden, dass das nicht bei allen Menschen so ist“, erzählt sie. Erst spät wurde ihr klar, dass das Kochen vielleicht mehr als ein Talent nebenbei sein könnte. 

Vertraute Zutaten, überraschend inszeniert: Im Schlicht. Esslokal wird ausschließlich mit Produkten aus Deutschland gekocht, vieles davon stammt direkt aus der Region. Foto: Jaqueline Winter
Vertraute Zutaten, überraschend inszeniert: Im Schlicht. Esslokal wird ausschließlich mit Produkten aus Deutschland gekocht, vieles davon stammt direkt aus der Region. Foto: Jaqueline Winter

2015, inzwischen zweifache Mutter, startete sie in Koblenz eine Kochausbildung. Eine Zwischenprüfung schloss sie mit voller Punktzahl ab – und übertrumpfte damit Auszubildende, die in wesentlich renommierteren Betrieben arbeiteten. Sie folgte dem Ratschlag der IHK und wechselte vom Circus Maximus in die Genussgesellschaft am Eck. 

Bald veranstaltete sie Menüabende im privaten Rahmen, danach entstand ein „Supper Club“: Einmal im Monat wurde an wechselnden Orten gekocht – in Bad Ems, bei Weingütern und in ihrem Heimatort Mülheim-Kärlich. Lebenspartner Richard Sänger, eigentlich Musikwissenschaftler, stieg zunächst nebenbei ein. Er kümmerte sich um die Homepage und half bei den ersten Abenden. Inzwischen ist er – neben seinem eigentlichen Beruf – Restaurantleiter. 

Beflügelt durch die Erfolge lag 2023 der Schritt zum eigenen Restaurant nahe. Obwohl die Lage des ehemaligen orientalischen Imbissbetriebs nicht unbedingt einladend ist, waren die beiden von dem Objekt gleich angetan. Der Plan zur Umgestaltung war klar: Küche und Gastraum bilden eine Einheit, die Gäste sehen, hören und riechen, was hinter den Gerichten passiert. 

Die Auszeichnung als „Entdeckung des Jahres“ im Gault & Millau sorgte kurz nach der Eröffnung für überregionale Aufmerksamkeit. Über Monate war das Schlicht ausgebucht – die Situation brachte das Paar organisatorisch an seine Grenzen. Schon bald erweiterten die beiden die zunächst reduzierten Öffnungszeiten. Heute ist das Schlicht von mittwochs bis samstags geöffnet, ein festes Team entlastet die Inhaber. 

Beim Angebot sind die beiden konsequent: „Es muss die Gäste erwischen“, sagt Sänger über das Erlebnis eines Restaurantbesuchs. Ein gutes Essen soll nicht nur satt machen – es soll Wochen oder gar Monate in den Gedanken bleiben. Aber: Die Zutaten auf dem Teller sollen vertraut sein. Und dennoch entsteht Überraschendes. Ein Gericht, das nach der eigenen Region schmeckt, kann dazu beitragen, sie mit anderen Augen zu sehen.

Wer das ausprobieren möchte, sollte reservieren – beim spontanen Besuch gehört etwas Glück dazu, einen Platz zu ergattern. Neben dem Menü gibt es auch À-la-carte-Gerichte und ein dreigängiges Sharing-Menü. Und gelegentlich werden auch Burger gebraten – mit der gleichen Sorgfalt wie bei allen Gerichten im Schlicht. Rainer Claaßen