Koblenz: „Udo macht das Backoffice - ich bin fürs Schöne zuständig“

Dörthe Dutt ist Dragqueen, Koblenzer Kultfigur und eine klare Stimme für mehr Toleranz. Sie spricht über 38 Jahre Bühnenleben, Pailletten, Haltung – und ihr eingespieltes Team mit Udo Eulgem.

11. Juni 2026

Wenn Dörthe Dutt den Raum betritt, wird es selten leise – und genau das ist gut so. Seit 1988 steht sie auf der Bühne, bringt Koblenz zum Lachen, zum Staunen und manchmal auch zum Nachdenken. Hinter der schillernden Diva steckt Udo Eulgem, der im Hintergrund Kostüme, Programme und Auftritte organisiert, während 

Dörthe den glamourösen Teil übernimmt. Im Gespräch erzählt sie mit viel Witz von Fleischkäse, über 100 Kostümen und großen Musicalträumen – aber auch von Anfeindungen, Sichtbarkeit und ihrem Wunsch nach mehr Offenheit in Koblenz. Dörthe, du bist seit Jahrzehnten eine feste Größe in der Koblenzer Kulturlandschaft. Aber Hand aufs Herz: Wie lebt es sich eigentlich mit Udo Eulgem unter einer Haut?

Ach, weißt du, wir teilen uns diesen Körper jetzt schon seit 38 Jahren. Es ist eine Art Wohngemeinschaft der besonderen Art. Während Udo unter der Woche ganz brav als Abteilungsleiter für visuelles Marketing in einem Modeunternehmen arbeitet, übernehme ich das Kommando, sobald das Scheinwerferlicht angeht. Wir könnten charakterlich kaum unterschiedlicher sein: Er ist eher der ruhige, besonnene und tiefgründige Typ, während ich – wie du siehst – die schrille, freie und extrovertierte Diva bin.

Wie hast du eigentlich Udo kennengelernt?

Das war 1988. Da war ich natürlich noch ein ganz junges Mädchen. Wir haben tatsächlich in derselben Firma gearbeitet. Und Udo hat mich bei einer Karnevalsveranstaltung einfach auf die Bühne geschickt.

Geschickt oder geschubst?

Schon eher geschubst. Ganz freiwillig war das nicht. Aber offensichtlich war das der Beginn der großen Weltkarriere.

Seitdem seid ihr unzertrennlich. Was schätzt du an Udo?

Udo macht mein komplettes Backoffice. Der sorgt dafür, dass ich was zum Anziehen habe, Songs bekomme, Shows habe und halbwegs gut aussehe. Er kümmert sich um das Programm, das Bühnenbild und die Kostüme – ja, sogar bei der „Rosa Bütt“ im Café Hahn zieht er im Hintergrund die Strippen. Er ist gewissermaßen mein Manager. Nur bühnentauglich ist er halt nicht. Also übernehme ich den glamourösen Teil. Nachdem ich mich umgezogen und geschminkt habe, wird Udo „ausgeknipst“ und ich übernehme das Steuer. 

Stichwort Make-up: Wie lange dauert es, bis du fertig bist?

Ich mache ja nur ein ganz leichtes Tages-Make-up. Aber die Jahre hinterlassen Spuren – also brauche ich ungefähr drei Stunden. 

Du bist also Glamour pur. Wie sieht’s kulinarisch aus?

Sehr bodenständig. Strammer Max, Fleischkäse und Miracoli. Mehr kann ich nicht kochen.

Foto: Fotosche-Fotodesign
Foto: Fotosche-Fotodesign

Moment – du magst wirklich Fleischkäse?

Ich liebe Fleischkäse! Das ist kein Witz.

Wie viele Kostüme besitzt du?

Über 100 auf jeden Fall. Ich habe sogar noch mein allererstes Kleid von 1988. Das hing Jahrzehnte irgendwo herum, und zu meinem Bühnenjubiläum habe ich es nochmal angepasst. 

Wo lagert man über 100 Kostüme?

In einem extra Fundusraum. Doppelstöckig aufgehängt. Andere sammeln Briefmarken – ich sammle Korsetts.

Du bist in Koblenz bekannt wie ein bunter Hund. Kannst du noch problemlos als Dörthe durch die Stadt laufen?

Leider nein. Nicht alleine. In Begleitung geht’s – aber alleine ist es mittlerweile zu gefährlich geworden.

Wirklich?

Ich bekomme unglaublich viel Liebe und tolles Feedback. Menschen wollen Fotos machen, manche Kinder malen Bilder von mir. Das ist wunderschön. Aber es kippt eben auch manchmal. Menschen werden aggressiv, beleidigen dich verbal, einfach weil du anders bist.

Das trifft dich immer noch?

Natürlich. Besonders schlimm fand ich mal Kinder auf dem Münzplatz, die mich übel beschimpft haben. Da weißt du sofort: Das kommt nicht von den Kindern selbst.

Trotzdem machst du weiter.

Immer. Ich werde für die Community einstehen, solange ich kann. Gerade beim CSD engagiere ich mich sehr stark. Sichtbarkeit ist wichtig. Udo ist Mitorganisator der Pride in Koblenz, und ich sehe mich als Sprachrohr der queeren Comunity.

Udo Eulgem war 2011 der „Buga-Prinz“ von Koblenz. Hast du seinen Erfolg jemals verkraftet?

Das war sein „großer“ kleiner Moment im Rampenlicht, und er ist den „Rot-Weißen“ bis heute dankbar dafür. Aber mal ehrlich: Ein Prinz ist nett, aber ich strebe nach Höherem. Mein Ziel ist es, Confluentia 2029 zu werden. Ob Koblenz schon bereit ist für eine Dragqueen als Confluentia, bleibt abzuwarten, aber ich habe ja noch ein bisschen Zeit, die Stadt zu überzeugen. 

Wer entwirft eigentlich deine Kostüme?

Udo entwirft sie. Ich habe drei Schneiderinnen, die alles umsetzen. Die Stoffe kaufe ich oft in den Niederlanden ein – da gibt’s fantastische Stoffmärkte.

Und jedes Jahr neue Outfits?

Drei bis vier mindestens. Deshalb platzt der Fundus auch langsam.

Gibt es noch einen großen Traum?

Ich würde wahnsinnig gern einmal in einer großen Musicalproduktion spielen. Wirklich ernsthaft. Herr Dietze darf sich gerne bei mir melden. Ich glaube, wir würden gut zusammenarbeiten.

Du nimmst ja sogar Gesangsunterricht.

Ja. Ich bin sicher nicht die beste Sängerin der Welt. Aber viele große Entertainer waren das nicht. Dafür unterhalte ich die Leute. 

Und du singst live – nicht nur Lipsync wie viele Drag-Künstlerinnen.

Genau. Und ich habe eigene Songs. Fast jedes Jahr kommt ein neuer dazu, die meisten von meinem lieben Freund Guido Klöckner. Ich gehe mittlerweile fast nur noch mit eigenen Liedern auf die Bühne.

Was ist das Geheimnis, dass Udo und Dörthe so lange so erfolgreich zusammenarbeiten?

Wir wissen beide, was wir aneinander haben. Er bringt das Geld rein, und ich gebe es für Pailletten wieder aus. Er braucht mich, um mal so richtig „die Sau rauszulassen“, und ich brauche ihn, damit jemand die Blasen an den Füßen verarztet. Wir sind eben ein eingespieltes Team – die Diva und ihr Dienstleister.

Und was wünschst du dir für Koblenz?

Mehr Toleranz. Mehr Offenheit. Einfach mehr Liebe füreinander. Koblenz ist eine wunderschöne Stadt – und ich wünsche mir, dass alle Menschen hier friedlich und glücklich miteinander leben können. Das wäre wirklich mein Traum.

Vielen Dank für dieses Gespräch, Dörthe!

Gerne, meine Liebe.

Petra Dettmer