Wenn Claudio Zanette über Eis spricht, klingt es nach Handwerk, Wissenschaft – und ein bisschen nach Familienepos. Da geht es um ruhende Eismassen, um Kaffeebohnen in der Crema-Basis, um Pistazien, die notfalls zurückgeschickt werden, und um die Frage, warum gutes Eis manchmal länger reifen muss. Wer in der Koblenzer Altstadt vor eGeLoSIa auf den Kirchentreppen sitzt und sein Eis löffelt, ahnt oft nicht, dass hinter jeder Sorte eine Geschichte steckt, die in den 1920er Jahren mit einem italienischen Eiswagen begann.
„Das Konzept von eGeLoSIa ist eigentlich: wieder zurück zum Ursprung“, sagt Zanette und lehnt sich kurz zurück, bevor er erneut über Rohstoffe, Reifezeiten und Innovationen philosophiert. Wer ihm zuhört, merkt schnell: Hier spricht kein gewöhnlicher Eismacher. Hier spricht jemand, der Eis denkt.
Von Eiswagen in Italien bis zur Braugasse
Die Geschichte beginnt in den 1920er Jahren in Norditalien. Claudio Zanettes Urgroßeltern verkauften damals bereits Eis – noch mit einfachen Handwagen. Später zog die Familie nach Deutschland. 1983 kam sie nach Koblenz. „Mein Vater hat früher den ganzen Tag Eis verkauft. Wenn die Glocke seines Eisbusses erklang, warteten vielerorts bereits Menschen auf ihn“, erinnert sich Zanette. „Morgens um zehn losgefahren, mittags neu geladen und im Sommer oft erst nachts zurückgekommen.“
Claudio Zanette selbst begann Mitte der 80er Jahre im Familienbetrieb zu arbeiten. Mit Anfang 20 eröffnete er seinen ersten kleinen Eisladen, später folgte das große „Dolce Vita“ am Löhrrondell. Doch irgendwann merkte er: Die Branche verändert sich. „Ich habe gesehen, dass oft nicht mehr das Produkt im Vordergrund stand.“ Also begann er, sich weiterzubilden, Konzepte zu studieren und neue Ideen zu entwickeln. 2003 eröffnete er schließlich eGeLoSIa in der Braugasse.
Warum gutes Eis Zeit braucht

Fertigmischungen kommen Claudio Zanette nicht ins Haus. Im eGeLoSIa setzt er auf ein beinahe altmodisch aufwendiges Verfahren. Sieben bis neun unterschiedliche Grundmassen werden im Haus pasteurisiert, mit verschiedenen Zutaten verfeinert und reifen anschließend mindestens zehn Stunden. „Je länger die Masse ruht, desto besser wird sie“, erklärt Zanette. „Wie bei einer guten Gemüsesuppe.“
In diese Grundmassen kommen keine simplen Aromen, sondern echte Zutaten: Zitronen, Kaffeebohnen, Zimtstangen. Und Eier. Viele Eier. „Wir trennen jede Woche zwischen 2.000 und 3.000 Eier.“ Auch bei den Rohstoffen kennt Claudio Zanette keine Kompromisse. Pistazien? Nur, wenn die Qualität stimmt. Sonst werden sie zurückgeschickt. Heidelbeeren aus Kanada? Einmal und nie wieder. „Wenn ich die Ware nicht in der Qualität bekomme, die ich brauche, mache ich die Eissorte eben nicht.“ Diese Konsequenz zahlt sich aus. Seit über 20 Jahren gibt es die gleichen 32 Standardsorten – ergänzt durch wechselnde saisonale Ideen.
Sorbet statt Schnickschnack
Food-Trends beobachtet Zanette aufmerksam – folgt ihnen aber nicht blind. Matcha Mixsorten? Basilikum-Zitrone? Nicht sein Ding. „Für mich ist Zitrone Zitrone“, sagt er trocken. „Alles andere ist eher ein Dessert.“ Statt auf Instagram-Hypes setzt eGeLoSIa auf Klassiker mit Tiefe: Crema, Schokolade, Nuss. Besonders im Sommer dominieren jedoch die Sorbets. „Wir verkaufen unglaublich viel Mango, Erdbeere und Zitrone.“ Die Fruchtpürees dafür kommen fast ausschließlich aus Frankreich, „die Zitrusfrüchte aber aus meiner Heimat Italien.“ Denn auch hier gilt: Qualität zuerst.
Die Zukunft schmeckt nach Winter
Stillstand ist für Claudio Zanette keine Option. Während andere Eisdielen im Herbst schließen, denkt er längst über Wintersorten, Desserts und neue Ernährungskonzepte nach. „Die Zukunft ist, zehn Monate im Jahr Betrieb zu haben.“ Schon jetzt experimentiert er mit Tiramisu, gefülltem Panettone oder Brioche aus Sizilien.
Gleichzeitig beschäftigt ihn ein anderes Thema: Eis für Menschen mit Unverträglichkeiten. „Es gibt so viele Menschen mit Problemen bei Zucker oder Milch. Dafür müssen wir Lösungen finden.“ Dafür besucht Zanette sogar Chemiekurse bei einem italienischen Lebensmittelchemiker. Man merkt: Der Mann hat noch einiges vor.
Und vielleicht bald wieder ein Eisfahrrad
Neben vier Filialen betreibt eGeLoSIa inzwischen Event-Eiswagen für Firmenveranstaltungen. Große Unternehmen aus der Region buchen die mobilen Gelato-Stationen regelmäßig. Doch eine Idee lässt Claudio Zanette besonders glänzen: eine klassische italienische Eis-Ape. „Das würde mir gefallen“, sagt er. „Wie früher. Montag hier, Dienstag dort.“ Fast klingt es so, als würde sich die Geschichte der Familie irgendwann wieder schließen – zurück zu den Wurzeln. Petra Dettmer
