„Ich liebe Koblenz"

„Ich werde immer ein Schängel bleiben”, sagt Dirk Zimmer. Er möchte die Geschichten, seine Menschen und ihre Mundart lebendig halten.

06. August 2026
„Ich liebe Koblenz"

Hier fühlt sich Dirk Zimmer wohl. In seiner Stammkneipe, dem Schützenhaus. Hier wird in Platt gesprochen und jeder kennt jeden. Foto: Petra Dettmer

Auch wenn Dirk Zimmer heute einen Großteil seiner Arbeitszeit in Köln verbringt, schlägt sein Herz unverkennbar für Koblenz. „Ich liebe Koblenz. Ich werde immer Schängel bleiben“, sagt der Theatermacher, Autor und Komödiant. Es ist ein Satz, der wie ein roter Faden durch sein Lebenswerk führt. Denn kaum jemand hat die Koblenzer Kultur in den vergangenen drei Jahrzehnten so nachhaltig geprägt wie er. 

Schon früh stand für Zimmer fest, wohin sein Weg führen sollte. Während andere ihr Abitur feierten, stand er lieber auf der Bühne. „Ich habe meine Abi-Feier geschwänzt, weil ich Premiere beim Jugendtheater hatte. Da wusste ich: Das ist es. Schauspielern.“ Ein Dozent einer Schauspielschule in München meinte jedoch, „Sie sind mir zu witzig. Ich könnte Sie mir nie in der Rolle des Romeo vorstellen.“ Dirk Zimmer ging seinen Weg trotzdem weiter.

1992 begann er am Jugendtheater Koblenz zu spielen, später führte er Regie und schrieb eigene Stücke. Mit „Träume zwischen zwei Flüssen“ brachte er 2001 erstmals ein Musical über seine Heimatstadt, teilweise auf Kowelenzer Platt, auf die Bühne – lange bevor regionale Identität wieder zum gesellschaftlichen Trend wurde. 

Seine Zeit bei der Bonner Springmaus schärfte sein Gespür für Improvisation und Comedy. Inspiriert von einem Theaterbesuch in Hamburg auf Platt sagte er sich: „Koblenz braucht auch so etwas. Wir haben auch eine tolle Mundart.“ So entstand 2005 die Theaterreihe „Zum Schängel“ – ein Stück Koblenzer Kulturgeschichte aus der Feder von Dirk Zimmer. 

Seine Idee: in der fiktiven Kneipe „Zum Schängel“ sitzen zwei Rentner, die mit trockenem Humor das Geschehen in der Stadt kommentieren: Willi und Ernst waren geboren.

Seit 2007 begeistern Willi & Ernst mit trockenem Humor, viel Improvisation und unverwechselbarem Kowelenzer Platt ihr Publikum - längst weit über die Region hinaus. Foto: Willi & Ernst
Seit 2007 begeistern Willi & Ernst mit trockenem Humor, viel Improvisation und unverwechselbarem Kowelenzer Platt ihr Publikum - längst weit über die Region hinaus. Foto: Willi & Ernst

„Dafür brauchte ich natürlich einen Schauspieler, der witzig ist und Kowelenzer Platt kann“, erinnert sich Zimmer. „Ich habe sofort an Markus Kirschbaum gedacht, mit dem ich 1992 in „Mister Pilks Irrenhaus“ und 1993 in „Gott“ im Koblenzer Jugendtheater gespielt hatte. Wir haben damals schon hervorragend harmoniert. Und heute führe ich mit Markus quasi eine zweite Ehe“, sagt er lachend. „Auf der Bühne spielen wir uns die Bälle ohne nachzudenken zu.“ Aus den beiden Publikumslieblingen wurde 2007 das eigenständige Schauspielerduo „Willi und Ernst“, das heute weit über die Region hinaus bekannt ist. 

Mehr als 100.000 Besucher verfolgten 21 „Schängel“-Produktionen. Dabei war Zimmer nie daran interessiert, bloße Unterhaltung zu liefern. Seine Stücke griffen aktuelle Themen auf, beschäftigten sich mit der Bundesgartenschau, gesellschaftlichen Veränderungen oder Vorurteilen gegenüber den Nachbarregionen. Auch kontroverse Themen fanden ihren Platz. „Kultur muss Diskussionen auslösen. Wenn Menschen etwas lieben und plötzlich etwas sehen, das nicht in ihr Weltbild passt, dann fangen sie an zu reden. Genau das wollte ich erreichen.“ Eine Herzensangelegenheit blieb für ihn dabei immer die Koblenzer Mundart. Für dieses Engagement erhielt er 2007 den Moddersproochpreis und 2011 den Kulturpreis der Stadt Koblenz. Sprache sei weit mehr als ein Dialekt, sagt Zimmer: „Sprache ist identitätsstiftend. Sie sagt viel über die Menschen aus.“ Mit Sorge beobachtet er, dass immer weniger Menschen das Kowelenzer Platt beherrschen. „Ich habe Angst, dass damit etwas verschwindet. Das darf nicht passieren.“ Er wünsche sich, dass die Mundart wieder stärker gepflegt werde – in Schulen, Vereinen und im Alltag. Denn genau darin liege ein wichtiger Teil der regionalen Kultur. 

Dass „Zum Schängel“ heute pausiert, hat für Zimmer weniger künstlerische als strukturelle Gründe. Nach der Corona-Pandemie stellte er fest, dass viele langjährige Besucher inzwischen auf Barrierefreiheit angewiesen waren. Für die Kulturfabrik beantragte er einen Aufzug, beteiligte sich an Überlegungen zur Finanzierung – vergeblich. Doch anstatt aufzugeben, entwickelte er eine noch größere Vision: ein vollständig barrierefreies Inklusionstheater.

Geplant war ein Theater für den SCHÄNGEL, für Willi & Ernst, den Karneval und die Jugend in den Stadtteilen. Und das im Industriegebiet in unmittelbarer Nähe der Rhein-Mosel-Werkstatt mit Aufzug, Evakuierungsmöglichkeiten, Gebärdensprachendolmetschern und Arbeitsplätzen für Menschen mit Beeinträchtigungen. „Mir kommen heute noch die Tränen, wenn ich davon erzähle“, sagt Zimmer. Das Projekt scheiterte schließlich an Lärmschutzauflagen. Besonders schmerzt ihn bis heute, dass bereits Förderzusagen und ein tragfähiges Konzept vorhanden waren. „Ich habe keine städtischen oder Landeszuschüsse gefordert. Aber ich bin an der Bürokratie gescheitert.“

Gerade das Thema Inklusion bewegt ihn bis heute tief. Dabei gehe es keineswegs darum, anderen etwas zu geben. „Nach außen sieht es so aus, als würde ich den beeinträchtigten Menschen etwas geben. Aber es ist genau umgekehrt. Ich bekomme von ihnen unglaublich viel zurück.“ Jede Begegnung mit Menschen mit Behinderung gebe ihm neue Kraft und eine andere Sicht auf das Leben. 

Trotz aller Enttäuschungen blickt Dirk Zimmer mit Stolz auf das Erreichte zurück. Er wirbt überall für seine Heimatstadt. „Die Lage von Koblenz ist ein Traum. Ich erzähle jedem Kölner, wie schön unsere Region ist.“ Auch die Entwicklung seit der Bundesgartenschau erfüllt ihn mit Freude. „Vor der BUGA hatten alle geschimpft. Heute lieben wir die Errungenschaften der BUGA: das offene Schloss, die Seilbahn und die Festung. Das ist fantastisch.“

Und natürlich lebt auch das Duo „Willi und Ernst“ weiter. Die Zwei begeistern bis heute ihr Publikum mit viel Improvisation, spontanen Einfällen und großer Publikumsnähe und feiern im Mai 2027 im Café Hahn die Premiere ihres achten abendfüllenden Programms „Hurra, wir leben!“. „Uns ist nie egal, wo wir spielen. Jeder Ort macht das Programm ein bisschen anders. Genau das lieben wir.“ 

So bleibt Dirk Zimmer trotz seines Wirkens weit über die Stadtgrenzen hinaus vor allem eines: ein überzeugter Koblenzer. Einer, der seine Heimat liebt, ihre Sprache bewahren möchte und mit Humor, Theater und unermüdlichem Engagement gezeigt hat, wie viel Kultur für das Leben einer Stadt bedeuten kann. Petra Dettmer