Koblenz: Das ist bei uns tatsächlich ein Familienprojekt

Wie wir im Gespräch mit Ralf Schall erfuhren, gäbe es das Kunstturnen in dieser Form ohne die Familie Schall nicht.

06. August 2026
Der Moment des Aufstiegs: Seine Turner tragen Ralf Schall nach dem Sprung in die 1. Bundesliga auf Händen. Der Erfolg ist das Ergebnis langjähriger Vereinsarbeit und großen ehrenamtlichen Engagements. Foto: René Weiss
Der Moment des Aufstiegs: Seine Turner tragen Ralf Schall nach dem Sprung in die 1. Bundesliga auf Händen. Der Erfolg ist das Ergebnis langjähriger Vereinsarbeit und großen ehrenamtlichen Engagements. Foto: René Weiss

Ralf Schall hat die KTV Koblenz in die 1. Bundesliga geführt. Im Gespräch erzählt der Trainer, warum hinter diesem Erfolg eine ganze Familie steht, weshalb fünfjährige Kinder die Zukunft des Vereins sind – und warum Geld im Spitzensport trotzdem unverzichtbar bleibt. 

Herr Schall, die KTV Koblenz ist in die 1. Bundesliga aufgestiegen. Viele sagen: Ohne die Familie Schall gäbe es das Kunstturnen in Koblenz in dieser Form gar nicht. Ist das übertrieben?

Nein, ganz falsch ist das nicht. Mein Vater Herbert hat damals begonnen, eine Ligamannschaft aufzubauen. Die KTV ist aus der Trainings- und Wettkampfgemeinschaft von TuS Horchheim und TuS Niederberg entstanden. Uns war wichtig, den Namen Koblenz nach außen zu tragen. Das machte vieles einfacher – auch bei der Gewinnung neuer Turner. 

Die Familie zieht sich wie ein roter Faden durch die Vereinsgeschichte?

Ja. Mein Sohn Angelo turnt in der Bundesligamannschaft, mein Neffe Timo ist eine der treibenden Kräfte im Vorstand und übernimmt unglaublich viel organisatorische Arbeit. Und mein Neffe Jona ist Teammanager. Ohne dieses familiäre Engagement wäre vieles nicht möglich. Die Wege sind kurz, jeder packt an. Das ist bei uns tatsächlich ein Familienprojekt. 

Wie schwierig ist es heute überhaupt noch, Jungen fürs Turnen zu begeistern?

Sehr schwierig. Früher war das einfacher. Heute konkurrieren wir mit unzähligen Freizeitangeboten. Bei Mädchen gibt es eher einen Überschuss an Interessierten, bei den Jungen muss man um jedes Talent kämpfen. 

Wie entsteht aus einer kleinen Nachwuchsgruppe schließlich ein Bundesligateam?

D
as ist ein langer Weg. Wir sind über die Regionalliga in die 2. Bundesliga aufgestiegen, zwischendurch wieder abgestiegen und haben uns erneut nach oben gearbeitet. Der entscheidende Faktor war immer, dass Menschen bereit waren, unglaublich viel ehrenamtliche Arbeit zu leisten. Und natürlich braucht man Sponsoren. Ohne Geld funktioniert Leistungssport leider nicht.

Sie selbst trainieren rund 28 Stunden pro Woche - neben Ihrem Beruf als Lehrer.

Genau. Ich bin Lehrer an der St.-Franziskus-Schule. Ohne diesen Beruf könnte ich das zeitlich gar nicht leisten. Eigentlich müsste ein Leistungszentrum wie unseres hauptamtliche Trainer beschäftigen. Wir stemmen das größtenteils ehrenamtlich.

Umso bemerkenswerter erscheint der Aufstieg in die höchste Liga. Darauf sind wir natürlich stolz.

Aber das liegt nicht nur an unserer Arbeit. Unsere eigenen Turner bilden das Herzstück der Mannschaft. Gleichzeitig haben wir Sportler von außerhalb, die sich hervorragend integrieren. Darauf legen wir großen Wert. Bei uns entscheidet das Team mit, wer charakterlich zur Mannschaft passt.

Mittlerweile kommen sogar Turner aus dem Ausland nach Koblenz.

Ja, wir erhalten viele Anfragen. Das liegt auch daran, dass wir das Turnen über Social Media sehr sichtbar machen. Die Sportart steht dabei im Mittelpunkt. Das spricht viele Turner an.

Wie sieht Ihre Mannschaft aus?

Wir dürfen 15 Turner für die Bundesliga melden. Sechs stammen aus der Region, weitere kommen aus anderen Teilen Deutschlands und zusätzlich haben wir internationale Turner. Gleichzeitig fördern wir konsequent den eigenen Nachwuchs. 

Sie haben sogar eine zweite Mannschaft.

Ja, die startet in der 3. Bundesliga und ist unsere Kaderschmiede. Dort entwickeln sich die Turner, die später den Sprung in die erste Mannschaft schaffen können. 

Viele Spitzensportler trainieren in Bundesstützpunkten. Ist das für Koblenz ein Nachteil?

Natürlich. Wer in Stuttgart oder Halle trainiert, hat mehrere hauptamtliche Trainer und drei Trainingseinheiten am Tag. Diese Möglichkeiten haben wir nicht. Deshalb ist das, was wir hier erreicht haben, schon etwas Besonderes. 

Ihre Bundesligaturner arbeiten nebenbei ganz normal?

Ja. Wir haben Ärzte, Ingenieure, Lehrer, Studenten und Schüler in der Mannschaft. Niemand lebt hier ausschließlich vom Turnen. Trotzdem trainieren die Spitzenturner bis zu 25 Stunden pro Woche. 

Wo beginnt eigentlich die Talentsuche?

Bei den Fünfjährigen. Ich gehe in Kindergärten und mache allgemeine Bewegungsstunden. Dort erkennt man schnell, wer koordinativ besonders begabt ist. Aber Talent allein reicht nicht. 

Was macht für Sie ein Talent aus?

Wir sagen immer: Talent ist der, der das Training durchhält. Disziplin und Ausdauer sind oft wichtiger als außergewöhnliche Begabung. Erfolg fällt niemandem einfach zu. 

Welche Rolle spielen die Eltern?

Eine sehr große. Ohne sie geht gar nichts. Sie müssen ihre Kinder jahrelang mehrmals pro Woche zum Training bringen. Gleichzeitig dürfen Eltern ihre eigenen Träume nicht auf die Kinder übertragen. Der Wunsch, Leistungssport zumachen, muss vom Kind selbst kommen. 

Sie gelten nicht als besonders harter Trainer.

Ich arbeite konsequent, aber nicht mit Druck. Die Motivation muss von innen kommen. Ich glaube fest daran, dass man mit Disziplin und Menschlichkeit sehr erfolgreich sein kann. Unsere Ergebnisse geben uns recht. 

Der Klassenerhalt scheint bereits gesichert. Was ist das nächste Ziel?

Langfristig wollen wir uns in der 1. Bundesliga etablieren. Wenn wir in dieser Saison sogar das kleine Finale um Platz drei erreichen würden, wäre das ein riesiger Erfolg. Aktuell stehen wir auf Platz vier. Unser Vorstand spricht sogar davon, irgendwann Deutscher Meister zu werden. Große Ziele muss man haben. 

Die Heimwettkämpfe sind längst mehr als reine Sportveranstaltungen.

Absolut. Heute gehört ein komplettes Event dazu – mit Catering, VIP-Bereich und einem professionellen Rahmenprogramm. Früher habe ich das fast alles selbst organisiert. Heute kümmert sich der Vorstand darum. Das entlastet mich enorm und ich kann mich auf den Sport konzentrieren. 

Wenn Sie auf den bisherigen Weg zurückblicken – worauf sind Sie am meisten stolz?

Dass wir mit unseren Möglichkeiten dort angekommen sind, wo wir heute stehen. Wir haben keine hauptamtlichen Trainer, viele arbeiten ehrenamtlich und trotzdem turnen wir in der 1. Bundesliga.