Die Entwicklung der Koblenzer Verkehrsbetriebe (Koveb) wirkt auf den ersten Blick wie eine Erfolgsgeschichte. Seit der Neuaufstellung zum Fahrplanwechsel 2019/2020 hat sich das Angebot spürbar verbessert – sowohl in Qualität als auch Quantität, heißt es aus dem Unternehmen. Doch hinter dieser positiven Entwicklung verbergen sich tiefgreifende strukturelle Herausforderungen.
Erfolg beim Fahrgast
Die Maßnahmen zeigen Wirkung: Barrierefreie Haltestellen, moderne Fahrzeuge und digitale Fahrgastinformationen kommen bei den Nutzern gut an. „Das zeigt uns auch das aktuelle Bürgerpanel, worauf wir stolz sind. Und das immerhin im dritten Jahr in Folge. Der ÖPNV gehört definitiv zu den Gewinnern der Umfrage“, sagt Hansjörg Kunz, Geschäftsführer der Koveb.
Finanziell angespannt, trotz steigender Nachfrage
Trotz wachsender Beliebtheit bleibt die finanzielle Situation angespannt. Ein zentraler Kritikpunkt ist die unzureichende Bundesfinanzierung durch gesetzliche Rahmenbedingungen. „Auch die Finanzierung für die sogenannten lokalen Verkehre durch das Land ist völlig unzureichend“, so Kunz. Besonders problematisch: Rund 70 Prozent der Einnahmen stammen inzwischen aus dem Deutschlandticket – doch dessen Finanzierung und dessen rechtlichen und betrieblichen Rahmenbedingungen sind langfristig nicht gesichert. „Das heißt, die Verluste werden immer größer.“ Gleichzeitig steigen die Anforderungen an das Angebot, während vielerorts – allerdings nicht in Koblenz – sogar Leistungen gekürzt werden.
Politische Vorgaben und ihre Folgen
Eine der größten Herausforderungen liegt in der politisch vorgegebenen Transformation hin zu lokal emissionsfreien Antrieben. Die EU-Regulierungen setzen klare Grenzen: Ab dem 28. Mai 2029 gilt die sogenannte Euro-7-Norm. Dann werden neue Diesel- oder Gasbusse faktisch aus dem Stadtverkehr verdrängt.
Die Koveb sieht darin erhebliche Probleme: „Die Clean-Vehicle-Direktive betrachtet lediglich den Antrieb, also nur die Emissionen des Antriebs und da auch nur den lokalen Betrieb“, erklärt Kunz. Das führe zu falschen Ergebnissen. So seien die Koblenzer Biogasbusse, die in der Gesamtbilanz CO₂-neutral sind, künftig nicht mehr zulässig – während andere, derzeit noch weniger nachhaltige Lösungen vorgegeben werden. „Das bedeutet, dass wir uns von unserer ursprünglichen Strategie mit den Biogasbussen, die ja in der Gesamtbilanz CO₂-neutral sind und ca. 50 Tonnen CO₂ jährlich sparen, jetzt mittelfristig verabschieden müssen.“
Für Kunz einfach nicht nachvollziehbar. „Ich übertreibe mal, um es verständlich zu machen: Sie dürften zukünftig einen Elektrobus fahren und bauen sich einen Hänger dran, auf dem Sie ein Diesel-Euro-Null-Aggregat draufstellen und den E-Bus damit betreiben.“
Elektromobilität: ambitioniert, aber schwierig

Die Zukunft scheint also elektrisch – doch der Weg dorthin ist kompliziert. Die Umstellung auf E-Busse ist technisch und infrastrukturell anspruchsvoll: „Einen Elektrobus müssen Sie als Einheit sehen mit der Ladestation.“ Zudem ist ein geeignetes Grundstück zu finden.
In Koblenz zeigt sich das Problem besonders deutlich: „Wir haben nur ein einziges Grundstück gefunden, auf dem wir eine gerade so ausreichende Anschlussleistung verfügbar hätten“, beschreibt Kunz die Situation. Hinzu kommen hohe Kosten, begrenzte Netzkapazitäten und fehlender grüner Strom.
Derzeit und in den kommenden Jahren, so die Einschätzung, sei ein Elektrobus „immer noch doppelt so schlecht wie unser Biogas-Bus“ in der CO₂ Gesamtbilanz. Auch alternative Technologien wie Wasserstoff sind keine einfache Lösung: „Das ist nochmal teurer und die Zuverlässigkeit ist derzeit noch schlechter.“
Infrastruktur als Engpass
Neben der Antriebstechnologie bleibt die Infrastruktur ein zentrales Thema. Die Elektrifizierung der Busflotte erfordert neue Betriebshöfe, Ladeinfrastruktur und leistungsfähige Stromnetze – alles Faktoren, die aktuell nicht ausreichend vorhanden sind. Hinzu kommen klassische Probleme wie Baustellen und Verkehrsbelastung, die den Betrieb verlangsamen. „Die Reisegeschwindigkeit soll zunehmen – momentan haben wir eher den gegenteiligen Effekt.“ Das führt dazu, dass mehr Personal für die gleiche Leistung benötigt wird. Ein möglicher Ausweg liegt in der Digitalisierung. Die Koveb setzt sich für intelligente Ampelsysteme ein, die den Verkehr über einen Rechner effizienter steuern könnten. „Das wäre ein Meilenstein“, so Kunz. Ziel ist es, Staus zu reduzieren, Fahrzeiten zu verkürzen und den ÖPNV attraktiver zu machen – eine klassische Win-Win-Situation.
Neugestaltung am Löhr-Center
Zu den größeren Projekten der Koveb zählen auch die Umgestaltung rund um das Löhr-Center sowie perspektivisch der Hauptbahnhof. Ein zentraler Bestandteil der Planungen ist die Verbesserung der Querungsmöglichkeiten für Fußgänger: Künftig sollen zwei ebenerdige Übergänge über die Hohenfelder Straße entstehen – ein echter „Quantensprung“, wie es heißt.
Hintergrund ist, dass bereits heute täglich rund 200 Menschen die Straße direkt überqueren, weil bestehende Alternativen als unattraktiv empfunden werden. Vorbild ist dabei die Lösung in der Clemensstraße. Ergänzt wird das Konzept durch einen begrünten Mittelstreifen mit Bäumen sowie zwei zusätzliche Halteplätze, die den Bereich funktional und optisch aufwerten sollen.
Ein System im Spannungsfeld
Die Koveb steht exemplarisch für viele Verkehrsunternehmen in Deutschland: steigende Nachfrage, ambitionierte Klimaziele und gleichzeitig unzureichende Rahmenbedingungen.
Oder, wie Hansjörg Kunz im Gespräch treffend formuliert: „Man hat sehr krasse Leitplanken gesetzt, aber die Straße ist teilweise noch nicht asphaltiert, auf der man da fahren muss.“
Die Zukunft des Nahverkehrs in Koblenz hängt damit nicht nur von lokalen Entscheidungen ab, sondern vor allem von politischen Weichenstellungen auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene. Petra Dettmer
