Neues Nüchternheitskonzept am Katholischen Klinikum

Trinken bis zum OP-Abruf: Ein Ampelsystem verkürzt unnötig lange Pausen

17. Juni 2026
Neues Nüchternheitskonzept am Katholischen Klinikum

Klare Flüssigkeiten bleiben erlaubt: Patienten müssen vor einer Operation nicht länger als nötig auf Wasser, Tee oder Kaffee verzichten. Foto: Magic David 25/people images.com - stock.adobe.com

Vor einer Operation nichts mehr essen und möglichst auch nichts mehr trinken – diese Regel kennen viele Patienten. Doch am Katholischen Klinikum Koblenz/Montabaur wird das Thema Nüchternheit nun neu gedacht. Im Mittelpunkt steht ein neues Nüchternheitskonzept, das ab dem 1. Juni 2026 am KKM umgesetzt wird. Über die Hintergründe spricht Prof. Dr. med. Tobias Fink, seit Oktober Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie, auch in der aktuellen Folge von „Pulse“, dem Podcast für die BBT-Region Koblenz-Saffig. 

Warum lange Trinkpausen problematisch sind

Der Grundgedanke des neuen Konzepts ist einfach: Patienten sollen vor einer Operation nicht unnötig lange auf klare Flüssigkeiten verzichten müssen. Denn lange Trinkpausen sind nicht nur unangenehm, sondern können auch medizinische Nachteile haben. „Das mit dem Nüchternheitskonzept ist etwas, das sich in unseren Köpfen festgesetzt hat – sowohl ärztlich als auch bei unseren Patienten“, sagt Prof. Fink. Die alte Vorstellung, ab Mitternacht vor einer Operation weder zu essen noch zu trinken, habe sich über Jahrzehnte gehalten – obwohl moderne Empfehlungen heute deutlich differenzierter sind.

Hintergrund ist die Sorge vor einer sogenannten Aspiration. Dabei kann Mageninhalt während einer Narkose in die Lunge gelangen. Diese Sorge ist ernst zu nehmen und bleibt auch im neuen Konzept berücksichtigt. Gleichzeitig zeigen heutige Erkenntnisse: Eine zu lange Flüssigkeitskarenz ist nicht automatisch sicherer – im Gegenteil. Im Konzept des KKM wird darauf hingewiesen, dass eine Flüssigkeitskarenzzeit von mehr als zwei Stunden schädlich sein kann und vermieden werden soll. Mögliche Folgen sind unter anderem mehr Delir, mehr postoperative Übelkeit, mehr Niereninsuffizienz, mehr Flüssigkeitsmangel und weniger Patientenkomfort.

Was künftig erlaubt ist

Eine grüne Karte steht für mehr als eine neue Regel: Prof. Dr. med. Tobias Fink erläutert, wie Patienten vor einer Operation spürbar entlastet werden. Foto: Katholischen Klinikum
Eine grüne Karte steht für mehr als eine neue Regel: Prof. Dr. med. Tobias Fink erläutert, wie Patienten vor einer Operation spürbar entlastet werden. Foto: Katholischen Klinikum

„Wir gestalten das Nüchternheitskonzept moderner – mit der nötigen wissenschaftlichen Grundlage“, erklärt Prof. Fink. Konkret bedeutet das: Essen bleibt weiterhin klar geregelt. Patienten sollen ab Mitternacht vor der Operation keine normale Kost mehr zu sich nehmen. Klare Flüssigkeiten sollen jedoch künftig bis zum Abruf in den OP erlaubt sein – etwa Wasser, Tee, Kaffee, auch mit einem Schuss Milch, oder Saft mit oder ohne Zucker.

Für Patienten kann das einen spürbaren Unterschied machen. Wer morgens auf eine Operation wartet, die sich wegen Notfällen oder Verzögerungen in den Nachmittag verschiebt, musste bislang oft stundenlang durstig bleiben. „Wenn ich als Patient bei 30 Grad Außentemperatur auf meine Operation warte und es ist 11 Uhr morgens oder 14 Uhr mittags und ich warte immer noch – und ich habe zumindest eine Flasche Wasser neben mir oder kann morgens noch meinen Kaffee trinken – dann fühlt es sich natürlich gut an“, sagt Prof. Fink. 

So funktioniert das Ampelsystem

Damit die neue Regelung im Klinikalltag sicher und verständlich umgesetzt werden kann, arbeitet das KKM mit einem dreistufigen Ampelsystem. Eine grüne Karte bedeutet: Der Patient darf bis zum Abruf in den OP klare Flüssigkeiten trinken. Eine gelbe Karte weist auf individuelle Einschränkungen hin. Eine rote Karte bedeutet: Ab sofort gilt „NPO“ – also nichts mehr essen und nichts mehr trinken.

Die Karten werden sichtbar am Bett angebracht, damit Patienten ebenso wie Pflege, ärztlicher Dienst und OP-Team sofort erkennen können, welche Regel gilt. „Damit weiß jeder, was er zu tun hat – auch der Patient“, betont Prof. Fink. 

Mehr Komfort, klare Abläufe

Wichtig sei, dass das Konzept nicht nur auf dem Papier existiere, sondern im Alltag gelebt werde. Das Konzept ist ein Schritt hin zu mehr Patientenkomfort, mehr Sicherheit durch klare Abläufe und einer zeitgemäßen präoperativen Versorgung.

Mehr über das neue Nüchternheitskonzept, die Arbeit der Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie sowie die ersten Monate von Prof. Dr. med. Tobias Fink als Chefarzt am KKM gibt es in der aktuellen Folge von „Pulse – der Podcast für die BBT-Region Koblenz-Saffig“.