Editorial von Julia Klöckner MdB

23. Mai 2026

Liebe Unternehmerinnen und Unternehmer, sehr geehrte Damen und Herren,

Demokratie und Wirtschaft haben mehr miteinander gemeinsam als es auf den ersten Blick scheint. Demokratie und Wirtschaft machen nicht andere für uns. Sondern wir selbst. Wir alle sind gefragt und gefordert. Jeder und Jede einzelne. Als Politikerin weiß ich nur zu gut: Demokratie besteht nicht in dem Versprechen, Recht zu bekommen. Sie besteht in dem Versprechen: Du darfst sprechen - aber eben auch widersprechen. Sie ist gas gemeinsame Ringen um die beste Lösung.

Das gilt in der Politik. Und das gilt ebenso in der Wirtschaft

Gerade Unternehmerinnen und Unternehmer wissen: Fortschritt entsteht nicht durch Gleichklang. Fortschritt entsteht, wenn jemand etwas infrage stellt, gegen den Strich bürstet und dass jemand eine bessere Idee hat und diese umsetzt.

Meinungsfreiheit ist deshalb nicht nur Grundlage unserer Demokratie. Sie ist auch Voraussetzung von Innovation und Fortschritt. Wo Widerspruch nur noch als Störung empfunden wird, geht die Fähigkeit zur Erneuerung verloren.

Wir leben in einer Zeit, in der vieles gleichzeitig unter Druck geraten ist: internationale Handelsbeziehungen, Energieversorgung, Lieferketten und das Vertrauen vieler Menschen, dass unser Land die Dinge noch gut organisiert bekommt.

Viele Betriebe erleben das jeden Tag ganz konkret: Bürokratieschleifen, langwierige Genehmigungen, hohe Energiepreise und eine internationale Konkurrenz, die nicht schläft. Manchmal entsteht dabei der Eindruck, andere Systeme seien schneller, entschlossener, effizienter. Doch die Stärke der Demokratie liegt nicht in ihrer Schnelligkeit. Ihre Stärke liegt darin, Fehler korrigieren zu können, resistent und resilient gegen Eruptives und Einseitiges zu sein. Ja, Demokratie hat auch ihren Preis. Oft höre ich, was in China und in Ländern mit anderen politischen Systemen zum Beispiel besser laufe. Ja, aber dann muss man sich auch das ganze Bild anschauen: Rechtssicherheit, Recht auf privates Eigentum, Meinungsfreiheit, Minderheitenrechte, Menschenrechte, Marktwirtschaft statt Staatswirtschaft - das gibt es mit der Demokratie.

Die Soziale Marktwirtschaft war deshalb immer mehr als ein Wirtschaftsmodell. Sie war das Versprechen, Freiheit und Wohlstand miteinander zu verbinden. Ludwig Erhard formulierte es einmal so: „Ich will mich aus eigener Kraft bewähren.“ Genau dieser Gedanke hat unser Land stark gemacht. Deutschland wurde nicht stark, weil der Staat alles besser wusste. Sondern weil Menschen etwas aufgebaut haben: Familienunternehmen, Handwerksbetriebe, mittelständische Industrie und neue Technologien.

Der Wirtschaftsstandort Nahe/Hunsrück steht genau für diese Stärke: Mittelstand, industrielle Kompetenz, Handwerk und Menschen, die nicht lange über Probleme reden, sondern Lösungen suchen, anpacken.

Deutschland hat enorme Möglichkeiten. Aber wir müssen wieder mehr Zutrauen in die eigenen Stärken entwickeln. Mehr Ambition. Mehr Freude am Gelingen. Mehr Bereitschaft, Neues zu wagen. Und das dürfen wir nicht alleine von Unternehmern erwarten, wir alle sind im gemeinsamen Boot. Soziale Sicherheit und Wirtschaftswachstum bedingen einander. Geht es unserer Wirtschaft schlecht, kann der Sozialstaat nicht so weiter machen, als würde ihn die wirtschaftliche Lage nicht berühren. Leistung, Anstrengung, eigenes Risiko müssen sich lohnen - eben für jeden und jede einzelne. Das motiviert.

Denn wer nur bewahren will, wird am Ende verlieren, was er eigentlich erhalten wollte

Ich wünsche allen Unternehmerinnen und Unternehmern in der Region Nahe/Hunsrück Mut, Erfolg und die Anerkennung, die ihre Arbeit und die ihrer Belegschaft verdient. Sie schaffen Arbeitsplätze, bilden junge Menschen aus, halten unsere Region lebendig und leisten damit einen wichtigen Beitrag zu unserem Land.

Ihre
Julia Klöckner MdB
Präsidentin des Deutschen Bundestages