Die deutsche Wirtschaft dürfte 2026 deutlich stärker wachsen als noch im Frühjahr erwartet. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rechnet in seiner aktuellen Herbstprognose mit einem realen Plus des Bruttoinlandsprodukts von knapp 1,2 Prozent. Im Mai hatte das Institut lediglich 0,4 Prozent erwartet. Hinter der besseren Jahreszahl verbirgt sich allerdings keine breit angelegte wirtschaftliche Erholung. Vor allem das überraschend starke erste Halbjahr hebt die Prognose an.
Einen wichtigen Anteil am kräftigeren Jahresauftakt hatten die Exporte. Unternehmen füllten ihre Lager und bestellten unter anderem Chemie- und Elektroprodukte aus Deutschland. Hintergrund waren Sorgen über mögliche Lieferprobleme infolge des Krieges im Nahen Osten. Für das Gesamtjahr erwartet das IW ein reales Exportplus von 2,8 Prozent. Die Importe sollen um 2 Prozent zulegen.
Bau und Industrie bleiben zurück
Die jüngste Überarbeitung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen lässt die Entwicklung der vergangenen Jahre etwas besser erscheinen. An den grundsätzlichen Schwächen ändert das nach Einschätzung des IW wenig. Besonders deutlich wird dies in der Bauwirtschaft. Deren preis- und saisonbereinigte Bruttowertschöpfung lag im zweiten Quartal 2026 rund 22 Prozent unter dem Niveau von 2019. Auch die Industrie hat den Stand vor Pandemie und Energiekrise noch nicht wieder erreicht. Ihre Wertschöpfung lag knapp 5 Prozent darunter.
Stabiler zeigt sich der Dienstleistungssektor. Impulse kommen nach Darstellung des IW vor allem von staatlichen Leistungen sowie aus der Informations- und Kommunikationswirtschaft. Von einem gleichmäßigen Aufschwung über sämtliche Wirtschaftsbereiche kann weiterhin keine Rede sein.
Etwas Rückenwind kommt von der Weltwirtschaft. Das IW erwartet für 2026 ein Wachstum von 2,3 Prozent. Der Welthandel dürfte um 5 Prozent zulegen. Im Juni lag der preisbereinigte Welthandel 7,5 Prozent über dem Vorjahresmonat. Gestützt wird die Entwicklung unter anderem durch veränderte Handelsströme und die Nachfrage nach Technologien für Künstliche Intelligenz und Energiewende.
Für deutsche Unternehmen bleibt das Umfeld dennoch schwierig. Die exportorientierte Industrie steht unter hohem Kostendruck. Gleichzeitig wächst der Wettbewerb mit Anbietern aus China. Handelshemmnisse erschweren zusätzlich das Geschäft auf wichtigen Auslandsmärkten.
Investitionen bleiben verhalten
Hinzu kommen gestiegene Finanzierungskosten. Die Teuerung im Euroraum lag im August nach den endgültigen Eurostat-Daten bei 3,2 Prozent. Die Europäische Zentralbank erhöhte im September ihre Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte. Der Einlagenzins liegt seitdem bei 2,5 Prozent. Kredite für Investitionen bleiben damit vergleichsweise teuer.
Die Zurückhaltung zeigt sich bei den Investitionen. Während der Staat deutlich mehr Geld ausgibt, blieb die privatwirtschaftliche Investitionstätigkeit im ersten Halbjahr schwach. Insgesamt lagen die Bruttoanlageinvestitionen 0,5 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Für das Gesamtjahr rechnet das IW mit einem Plus von lediglich 0,5 Prozent.
Bei Maschinen, Fahrzeugen und anderen Ausrüstungsgütern erwartet das Institut einen Zuwachs von 1,8 Prozent. Anders sieht es am Bau aus. Die Bauinvestitionen dürften 2026 um 1 Prozent zurückgehen. Vor allem der Wohnungsbau leidet unter hohen Baukosten und teurer Finanzierung.
Auch der Konsum liefert nur begrenzt zusätzliche Impulse. Während der staatliche Konsum im ersten Halbjahr real 3,4 Prozent über dem Vorjahresniveau lag, stieg der private Verbrauch lediglich um 0,3 Prozent. Für das Gesamtjahr erwartet das IW ebenfalls nur ein reales Plus von 0,3 Prozent. Höhere Energiepreise schmälern die Kaufkraft. Die Inflationsrate in Deutschland dürfte 2026 bei gut 2,5 Prozent liegen.
Beschäftigung geht zurück
Die konjunkturelle Schwäche zeigt sich auch bei der Beschäftigung. Das IW rechnet für 2026 mit rund 200.000 Erwerbstätigen weniger als im Vorjahr. Trotzdem steigt die Zahl der Arbeitslosen laut Prognose nur um 39.000 auf knapp drei Millionen. Die Arbeitslosenquote bleibt bei 6,3 Prozent.
Ein Grund dafür ist die demografische Entwicklung. Das Arbeitskräfteangebot schrumpft, weil mehr ältere Beschäftigte ausscheiden, als junge nachrücken. Dadurch kann die Erwerbstätigkeit sinken, ohne dass die Arbeitslosigkeit im gleichen Umfang steigt. Fachkräfteengpässe verschwinden deshalb trotz schwacher Konjunktur nicht automatisch.
Staat wird zum Wachstumstreiber
Eine zentrale Rolle für das Wachstum übernimmt 2026 der Staat. Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität wirkt erstmals über ein vollständiges Jahr. Mehr als 58 Milliarden Euro des auf zwölf Jahre angelegten Gesamtvolumens von 500 Milliarden Euro sollen nach der IW-Prognose in diesem Jahr eingesetzt werden. Hinzu kommen höhere Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit.
Wie schnell die Mittel tatsächlich in konkrete Projekte fließen, bleibt offen. Planung, Genehmigungen und begrenzte Kapazitäten können die Umsetzung verzögern. Zugleich steigen die staatlichen Defizite. Das IW erwartet für 2026 ein Finanzierungsdefizit von rund 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Schuldenstandsquote dürfte bis Jahresende auf etwa 66 Prozent steigen.
Auch 2027 nur mäßiges Wachstum
Auch für 2027 erwartet das Institut keine kräftige Wachstumsphase. Das reale Bruttoinlandsprodukt soll um knapp 1 Prozent zulegen. Konsum und Investitionen dürften ungefähr gleich stark zum Wachstum beitragen. Von einer dynamischen Erholung geht die Prognose damit nicht aus.
Prognosewert von knapp 1,2 Prozent für 2026
Hinzu kommen erhebliche Risiken. Die Berechnungen setzen voraus, dass sich die geopolitische Lage nicht weiter verschärft und es zu keinen größeren Problemen bei der Energieversorgung kommt. Auch Handelskonflikte und steigende Transportkosten könnten die Entwicklung belasten.
Der Prognosewert von knapp 1,2 Prozent für 2026 wird stark vom überraschend guten ersten Halbjahr geprägt. Exporteffekte und höhere Staatsausgaben liefern wichtige Impulse, während private Unternehmen zurückhaltend investieren. Der Wohnungsbau bleibt schwach, der private Konsum kommt nur langsam voran. Gleichzeitig geht die Beschäftigung zurück.
Deutsche Wirtschaft im strukturellen Wandel
IW-Konjunkturchef Michael Grömling warnt deshalb davor, die bessere Wachstumszahl als Zeichen für einen bereits gefestigten Aufschwung zu verstehen. Nach Einschätzung des Instituts steckt die deutsche Wirtschaft weiterhin in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel. Entscheidend wird sein, ob staatliche Investitionen dauerhaft bessere Standortbedingungen schaffen und Unternehmen wieder stärker investieren. red/IW
