Die Sanierung der Hunsrückquerbahn geht in die heiße Phase. Geplant war, dass die Arbeiten Ende Oktober beendet sein sollten? Nach aktuellem Stand soll der Abschnitt zwischen Langenlonsheim und Büchenbeuren erst im Herbst 2027 wieder für Verkehre freigegeben werden. Doch welche Auswirkungen hat eine reaktivierte Hunsrückquerbahn eigentlich auf die Wirtschaft im Rhein-Hunsrück-Kreis? Hierzu äußert sich Thomas Hähn, Vorsitzender des Regionalrats Wirtschaft im Rhein-Hunsrück-Kreis, im Interview.
Welche wirtschaftliche Bedeutung hat die Hunsrückquerbahn aus Ihrer Sicht für die Region?
Das ist sehr schwer zu beantworten, weil wir alle, mich inklusive, keine oder nicht ausreichend Erfahrung haben mit Bahnen. Denn wir hatten schon fast 50 Jahre keine Bahnen mehr. Das betrifft natürlich auch die Unternehmen. Alle Unternehmen, die hier ansässig sind, sind es gewohnt, keine Bahn zu haben. Was es bedeuten kann, eine Bahn zu haben, wissen wir noch nicht genau. Ganz offen gesagt wollen wir das herausfinden. Wir wollen unbedingt herausfinden, welchen wirtschaftlichen Vorteil uns diese Bahn bringen kann. Dazu haben wir geplant, dass wir mit interessierten Unternehmen weiterhin im Dialog bleiben, weiterhin Dinge ausprobieren, Piloten starten und mit Bahndienstleistern sprechen, die Güter auch auf die Bahn bringen können und die dort mehr Erfahrung haben als wir alle. Und genau dieser Prozess ist gestartet mit den zwei Veranstaltungen, die Landrat Volker Boch und wir gemeinsam mit dem Regionalrat Wirtschaft veranstaltet haben. Wir wollen unbedingt daran festhalten, diesen Dialog weiterzuführen, einfach um die Chancen genutzt zu haben. Ob die Bahn nachher eine wirtschaftliche Bedeutung bekommt, wissen wir nicht. Wir wollen aber nichts ungenutzt lassen, um herauszufinden, welche Bedeutung sie haben könnte.
Welche Branchen/Unternehmen würden am stärksten von einer Reaktivierung profitieren?
Ganz sicher die, die auch genügend Ware zu transportieren haben, entweder hierher oder von hier weg. Ich war selbst sehr überrascht, als ein Teilnehmer der Diskussion berichtete, dass er in seiner Produktion neun Lkw-Ladungen pro Woche mit Holzleim bekommt. Das war für mich eine überraschende Aussage. Mir war nicht bewusst, dass ein einzelnes Unternehmen hier so viele Güter und Stoffe bekommen kann. Und wenn wir zusammenzählen und evaluieren, wer wie viele Güter hier empfängt, dann werden wir auch eher einen Blick dafür bekommen, ob es Sinn machen könnte, diese mit der Bahn hierherzubringen. Wir wollen natürlich auch auf den Abtransport schauen – zum Beispiel von fertigen Gütern oder Rohstoffen wie Holz oder auch landwirtschaftlichen Produkten, die hier erzeugt werden oder hier gebraucht werden, beispielsweise als Düngemittel. Das sind Dinge, die wir eruieren wollen, um vielleicht auch den einen oder anderen Pilot zu starten, wenn es Sinn macht.
Welche Chancen sehen Sie für Unternehmen entlang der Strecke?
Schlussendlich muss es eine Kostenersparnis sein, eine Kosten- oder Zeitersparnis.
Was bedeutet es für die Wirtschaft, dass sich das Ende der Sanierung der Hunsrückquerbahn immer wieder nach hinten verschiebt?
Aus meiner Sicht hat es erstmal noch keine Bedeutung, weil wir keine konkreten Fälle vor der Brust haben. Wir alle haben nicht mit der Sanierung rechnen können, bis vor ein, zwei Jahren, als es losging. Wir haben diese Sanierung weder befürwortet noch gefordert. Jetzt ist die Sanierung gemacht, es sind also Fakten geschaffen. Und mit dieser Sanierung ist ein Stück Infrastruktur entstanden beziehungsweise aufgewertet worden. Wenn es jetzt schon mal da ist, dann wollen wir auch schauen, ob wir es zu unserem Vorteil nutzen können. Die Verschiebung hat erstmal eine untergeordnete Bedeutung für uns, weil wir gerade noch inmitten der Sondierung stecken. Es gibt wirklich noch keine konkreten Fälle, die uns bekannt sind, wo Güter dringend auf die Bahn müssten.
Thomas Hähn über den Rhein-Hunsrück-Kreis als Wirtschaftsstandort
Kann die Hunsrückquerbahn die Attraktivität des Hunsrücks als Wirtschaftsstandort erhöhen? Wenn ja, wie?
Mit der Aussage, dass eine Bahn vorhanden ist, haben wir die Attraktivität in jedem Fall schon erhöht. Ob sie wirklich genutzt wird oder wie viel sie genutzt wird, das vermag ich nicht zu sagen, das sind Spekulationen. Aber alleine die Tatsache, dass diese Infrastruktur verfügbar ist oder wäre, ist auf jeden Fall ein Zugewinn für unseren Standort.
Welche Rolle spielt eine gute Schienenanbindung bei der Ansiedlung neuer Unternehmen?
Offen gesagt wissen wir es nicht. Wir konnten nie damit Werbung machen, dass wir über so eine Bahnstrecke, die saniert ist und noch funktioniert, verfügen. Es ist durchaus denkbar, dass es Unternehmen gibt, die entweder so viel produzieren oder Dinge produzieren, die besser auf der Schiene sind als auf der Straße. Damit könnte es auch ein Ansiedlungsfaktor sein, ganz sicher. Hinzu kommt, dass wir auch nicht wissen, wie sich die Straßenverkehrsentwicklung verändert, auch in Hinsicht auf Treibstoffe oder Energie. Es ist durchaus denkbar, dass in einigen Jahren ein großer Kostenvorteil für uns alle hier entsteht, wenn wir eine Bahnanbindung haben.
Wo sehen Sie den Rhein-Hunsrück-Kreis in zehn Jahren – mit und ohne reaktivierte Hunsrückquerbahn?
Generell befinden wir uns in einer schwierigen Situation. Also nicht nur wir hier in Rhein-Hunsrück, sondern in Deutschland allgemein. Ich glaube, wir alle wissen, dass wir inmitten einer großen Wirtschaftskrise stecken. Unsere bewährten Branchen wie Automobil- und Maschinenbau kränkeln und verlassen auch den Rhein-Hunsrück-Kreis. Man sieht Abwanderung, man sieht Verlagerung, man sieht, dass vielleicht ganze Werksschließungen kommen werden oder zumindest abzusehen sind. Wir müssen uns verändern. Wir sind gut aufgestellt dafür. Wir haben alles, was es dazu braucht. Wir haben Fläche, Industriefläche oder Gewerbefläche. Wir haben sehr gut ausgebildete Fachkräfte hier. Wir haben einen guten Stamm an Unternehmen, die schon seit vielen Jahren Menschen für die Wirtschaft ausbilden. Wir haben einen attraktiven Wohnmarkt, einen attraktiven Lebensraum, auch zum Ansiedeln von Fachkräften oder von Menschen, die uns dazu noch fehlen. Ich sehe uns im Vergleich zu anderen Regionen besser aufgestellt. Nichtsdestotrotz ist es schwierig. Wir sind nicht auf Rosen gebettet, aber wir haben meines Erachtens die besten Voraussetzungen hier im Rhein-Hunsrück-Kreis.
Könnte die Hunsrückquerbahn dazu beitragen, dass die Situation noch besser wird?
Sie ist auf jeden Fall ein Add-on. Ein Add-on für Unternehmen, die zwingend notwendig einen Bahnanschluss bräuchten oder die große Vorteile dadurch hätten. Eine funktionierende Bahnstrecke ist natürlich ein zusätzlicher Punkt zu den eben genannten.
Das Gespräch führte Lara Kempf
