Wiedergefundene Orte

Das b-05: Wenn der Wald die Bunker wieder atmen lässt

04. September 2026
Wiedergefundene Orte

Von außen ist der Bunker kaum auszumachen. Erdwall und Bewuchs gehörten einst zur Tarnung und Sicherung des Munitionslagers. Fotos: b-05 Kunst-Kultur-Natur e.V.

Lost Places faszinieren mich. Vielleicht, weil sie Geschichten bewahren, die sonst leicht verschwinden. Verlassene Gebäude, alte Industrieanlagen, geheime Orte. Man sieht, was geblieben ist, und fragt sich, wer hier einmal war. 

Das b-05 kenne ich bereits von Veranstaltungen. Ich war bei Ausstellungen, habe Musik gehört und das besondere Ambiente erlebt. Trotzdem ist dieser Vormittag anders. Diesmal bin ich nicht wegen einer Veranstaltung hier. Rainer Kiefer, der dem Vorstand des Vereins b-05 Kunst – Kultur – Natur e. V. angehört, nimmt mich mit auf einen Rundgang. 

Wir gehen durch das Tor. Schranke, Zaun, ehemalige Funktionsgebäude. Vieles erinnert noch daran, dass hier einmal ein NATO-Munitionslager war. Dann tauchen zwischen den Bäumen die ersten Bunker auf. Ich kenne sie. Aber heute schaue ich genauer hin.

Der Beton wirkt schwer. Gleichzeitig hat der Wald längst begonnen, ihn zurückzunehmen. Grün wächst an den Wänden, zwischen den Gebäuden und entlang der Wege. Es ist ruhig. Ich frage Rainer Kiefer, was das b-05 für ihn persönlich bedeutet. „Ein Ort im Wandel“, sagt er. Ein Ort, der anregt und Menschen und Ideen verbindet. „Hier treffen sich Menschen, Ideen und Positionen, die sonst kaum zusammenkommen.“ 

Die Geschichte dieser Veränderung beginnt 2005. Der Designer und Architekt Jan Nebgen gründete nach seiner Rückkehr aus den USA gemeinsam mit seiner amerikanischen Frau Leisa Brubaker eine private Initiative. Aus dem ehemaligen Militärgelände sollte ein Ort für internationale Kunst, Architektur und gesellschaftlichen Austausch werden. Das „b“ steht für Bunker, die „05“ für das Jahr, in dem die Verwandlung begann. 2008 wurde die erste internationale Ausstellung eröffnet. 

Rainer Kiefer schließt einen der Bunker auf, betätigt das Licht, damit wir etwas sehen können. Ich betrete das Innere. Drinnen ist es kühl. Die Wände sind massiv, die Akustik verändert sich, das Licht fällt anders als draußen. Auch wenn ich die Räume von Ausstellungen kenne, nehme ich sie heute anders wahr. Diesmal schaue ich nicht nur auf die Kunst. Ich schaue auf die Wände, auf die Türen, auf die Spuren des Ortes. Was früher hier gelagert wurde, ist heute kaum noch vorstellbar. Doch ist es da, in diesem Raum. 

Nach einer Weile verlassen wir den Bunker. Draußen wartet wieder der Wald. Auf dem rund zwölf Hektar großen Gelände hat sich eine Natur entwickelt, die viele Besucher gar nicht vermuten: Heidelandschaft, seltene Orchideen, Fledermäuse, die in den Bunkern nisten. Die Natur hat sich ihren Raum genommen. Begleitet wird dieser Bereich unter anderem durch die Zusammenarbeit mit der Will und Liselott-Masgeik-Stiftung aus Molsberg.

Ich entdecke an diesem Vormittag einiges, was mir bei meinen bisherigen Besuchen entgangen ist. Vielleicht muss man einen Ort manchmal aus einem anderen Winkel betrachten, um ihn neu zu sehen.

Auch das Café gehört inzwischen zum b-05. Es befindet sich in einem ehemaligen Magazingebäude. Auf der heutigen Terrasse wurden früher Lkw gewaschen. An diesem Vormittag ist das Café geschlossen, die Terrasse leer. Kaum vorstellbar, dass hier sonst Menschen bei Kaffee und Kuchen sitzen, frühstücken, Musik hören oder nach einer Wanderung oder Radtour Station machen. 

Auf dem Rückweg zum Ausgang begegnen uns zwei Radfahrer. Das b-05 ist an diesem Vormittag eigentlich nicht für die Allgemeinheit geöffnet. Die beiden haben offenbar ihre Chance gewittert und fragen, ob sie eine Runde drehen dürfen. Sie dürfen. Ich frage mich, ob sie wissen, was hier einmal war. Vielleicht sind sie einfach zufällig vorbeigekommen. Vielleicht kennen sie das Gelände aber auch aus einer anderen Zeit. Rainer Kiefer erzählt mir, dass immer wieder ehemalige Bundeswehrangehörige zurückkommen, die hier während ihrer Dienstzeit eingesetzt waren. 

Ein Ort kann sich verändern. Seine Geschichte tut das nicht unbedingt. Rainer Kiefer erzählt mir außerdem, dass das Gelände nicht immer ein friedlicher Ort gewesen sei. Auch hier habe um Harmonie und Frieden gerungen werden müssen. 

Apropos Ausstellungen: Am 13. September wird der letzte Block der diesjährigen Ausstellungsreihe eröffnet. „Gegensätze & Parallelen“ lautet der Untertitel. Gezeigt werden Arbeiten im Kontext des Kultursommers Rheinland-Pfalz 2026 und seines Mottos „Die Goldenen Zwanziger“. Ich werde mir die Ausstellung vermutlich einmal ansehen. Jetzt mit einem anderen Blick auf die Räume.

Als ich vom Gelände zurück zum Auto gehe, denke ich noch einmal über den Begriff „Lost Place“ nach. Eigentlich passt er nicht mehr. Denn verloren ist dieser Ort nicht. Doris Kohlhas