Vier Tage Ausnahmezustand im Hunsrück: Wenn am zweiten Juli-Wochenende der Veitsrodter Prämienmarkt startet, blickt die ganze Region auf die Gemeinde. Doch hinter den Kulissen hat sich nach fast drei Jahrzehnten ein historischer Wechsel vollzogen. Jürgen Schneider gab den Vorsitz der Interessengemeinschaft (IVP) ab; ihm folgt Marius Franzmann nach, dessen Familie die Markt-Organisation schon seit Generationen mitprägt. Was den enormen Zusammenhalt ausmacht, wie viel Arbeit im Ehrenamt steckt und warum die Tierprämierung am Montag weit mehr als eine reine Fachmesse ist, erklärt der neue Mann an der Spitze im Interview.
Herr Franzmann, Ihr Vorgänger stand 28 Jahre an der Spitze des Vereins. Macht es eine solche Amtszeit eigentlich leichter, weil alles geordnet ist, oder flößen einem die großen Fußstapfen erst einmal Respekt ein?
Marius Franzmann: Es ist wohl eine Mischung aus beidem. Die Fußstapfen sind ohne Frage riesig. In den vergangenen 75 Jahren gab es überhaupt erst vier Vorsitzende, ich bin erst der fünfte. Das zeigt, wie langfristig dieses Amt hier gelebt wird. Gleichzeitig macht es mir Jürgen Schneider aber sehr leicht. Der Übergang läuft völlig entspannt ab, weil Jürgen uns nach wie vor mit Rat und Tat zur Seite steht. Er kennt mich, seit ich ein kleiner Junge bin. Aus seinem riesigen Erfahrungsschatz schöpfen zu dürfen, ist eine enorme Hilfe.
Nun sind Sie mit Ihren 32 Jahren ja selbst mit dem Markt großgeworden. Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an die Veranstaltung?
Marius Franzmann: Der Markt ist bei uns absolute Familiensache: Schon mein Großvater war über 60 Jahre Marktmeister, danach mein Vater. Als Kind war es für mich das Größte, montags nach der Schule nicht mit dem Bus nach Hause fahren zu müssen, sondern direkt am Marktgelände auszusteigen. Diese Vorfreude vergisst man nicht. Ich bin mit den Marktbeschickern aufgewachsen, viele sind über die Jahre zu echten Freunden geworden. Als Schulkind durfte ich beim Abbau des Zeltes auf dem Stapler der Familie Jost mitfahren.
Was ändert sich denn für Sie ganz praktisch, wenn Sie dieses Jahr über den Festplatz gehen?
Marius Franzmann: Ich bin auf dem Markt einfach noch präsenter. Ich halte die Eröffnungsrede und begrüße die Ehrengäste – das ist natürlich eine ganz andere Verantwortung. Zuletzt habe ich in Koblenz gewohnt, weshalb ich mich nicht immer in vollem Umfang einbringen konnte. Doch jetzt bin ich zurück in der Heimat und freue mich sehr auf diese Aufgabe. Insgesamt ist die Arbeit dadurch natürlich zeitintensiver geworden, denn nun beschäftige ich mich nicht nur mit der Auswahl und Organisation der Marktstände, sondern auch mit dem Sicherheitskonzept, der Verkehrsordnung und unseren Sponsoren.

Genau diese Dinge sieht der normale Besucher ja selten. Was wird bei der Organisation am meisten unterschätzt?
Marius Franzmann: Vor allem der Zeitfaktor. Bei uns läuft die Organisation das gesamte Jahr über nach dem Prinzip „Nach dem Markt ist vor dem Markt“. Wir besuchen andere Märkte, sammeln frischen Input und tauschen uns aus. Das ist ein fließender Prozess. Was die Arbeit heute im Vergleich zu früher deutlich schwieriger macht, sind die extrem gestiegenen Kosten sowie die immer komplexer werdenden Sicherheitsauflagen.
Trotz des Drucks bleibt der Kern des Festes seit Jahrzehnten erhalten. Was macht den Veitsrodter Markt so unverwechselbar?
Marius Franzmann: Ganz klar die Tierprämierung am Montagvormittag. Solche Märkte sind mittlerweile extrem selten geworden, aber wir sind heute der größte Prämienmarkt in der ganzen Region. Für die Landwirte ist das ein enormer Aufwand, und für uns ist es unschätzbares Kulturgut, das wir unbedingt erhalten wollen. Es ist faszinierend zu sehen, wie die Tiere hergerichtet und bewertet werden – dieses Fachwissen wird seit Generationen weitergegeben. Weil der Festmontag diesmal in den Ferien liegt, ist das eine geniale Gelegenheit für Familien und Kinder, das hautnah mitzuerleben.
Um ein solches Programm auf die Beine zu stellen, braucht es Dutzende Helfer. Wie erleben Sie den Zusammenhalt im Dorf?
Marius Franzmann: Das Herzblut ist den Veitsrodtern einfach angeboren, hier helfen unheimlich viele Menschen freiwillig mit. Jeder, der einen Dienst übernimmt, wird sofort Teil dieses riesigen Gemeinschaftsgefühls. Wir nutzen das Fest übrigens auch zur Integration: Zugezogene werden von der Gemeinde gezielt animiert, Dienste zu übernehmen. So lernt man im Nu die Leute kennen und wächst in die Gemeinschaft hinein. Tradition verbindet hier im besten Sinne.
Gleichzeitig muss sich ein Fest weiterentwickeln. Wo setzen Sie in diesem Jahr neue Akzente?
Marius Franzmann: Das Grundkonzept steht, aber wir haben frischen Wind bei den Bands und Standbetreibern. Ein echtes Highlight im Musikprogramm ist diesmal eine Peter Maffay Coverband am Samstagabend im großen Zelt. Ansonsten bieten wir die bewährte Mischung: vom Pferderennen am Sonntag über das traditionelle Weinwiegespiel bis hin zu unserer großen Verlosung mit dem Hauptgewinn von 10.000 Euro. Der Erlös dieser Tombola fließt übrigens zu einhundert Prozent in den Erhalt der Tierprämierung und kommt direkt den Landwirten zugute.
Wenn wir zehn Jahre vorausschauen: Wo soll der Veitsrodter Prämienmarkt dann unter Ihrer Leitung stehen?
Marius Franzmann: Mein großes Ziel ist es, dass sich der Markt diesen positiven Kern bewahrt. Die Menschen sollen die Veranstaltung auch in Zukunft mit Heimat und Tradition verbinden und einfach gerne hierherkommen. Das gelingt uns aber nur, wenn wir weiterhin junge Menschen für die Arbeit im Verein begeistern. Bei uns werden bestimmte Aufgaben oft von Generation zu Generation innerhalb der Familien weitergegeben. Dadurch wächst der Nachwuchs ganz automatisch rein.
Woran werden Sie am Montagabend nach dem großen Abschlussfeuerwerk merken, dass Ihre Premiere als Vorsitzender geglückt ist?
Marius Franzmann: Wenn alle Besucher gesund nach Veitsrodt und wieder nach Hause gekommen sind, die Marktbeschicker und Fahrgeschäfte eine gute Zeit hatten, die Fässer der Kirner Brauerei leer sind und wir im Team wissen: Der Aufwand hat sich gelohnt, wir haben den Menschen der Region wieder ein ereignisreiches Wochenende geschenkt.
