Schwarzes Gold aus dem Berg

Im Kaulenbachtal bei Kaisersesch führt ein Wanderweg mitten durch die Spuren des Schieferbergbaus

01. Januar 1970
Schwarzes Gold aus dem Berg

Eine historische Grubenlore erinnert an den Abtransport des Schiefers - heute führen Wanderwege durch die ehemalige Bergbaulandschaft. Foto: Touristik-Büro Schieferland Kaisersesch, Marco Rothbrust

Hinter dem Gitter des Matthias-Josef-Stollens beginnt die Dunkelheit. Kühle Luft zieht aus dem Berg, wenige Schritte weiter türmen sich graublaue Schieferhalden über dem Tal. Wanderer gehen heute durch eine stille Landschaft. Vor nicht allzu langer Zeit verschwanden hier Männer Tag für Tag unter der Erde. Zwischen Müllenbach, Laubach und Leienkaul lag eines der größten und bekanntesten Schieferabbaugebiete links des Rheins. 

Wer heute vor den verschlossenen Stollen steht, kann nur erahnen, wie der Arbeitsalltag dort aussah. Der Schieferabbau im Kaulenbachtal ist seit 1695 belegt. Zunächst arbeiteten die Menschen in kleineren Gruben und Stollen, später entstanden größere Bergwerke. Um 1900 waren im Raum Müllenbach, Laubach und Leienkaul insgesamt 358 Schieferbrecher beschäftigt. Das Gestein, das sie aus dem Berg holten, galt als besonders hochwertig. Noch vor Ort wurden die Blöcke gesägt, gespalten und zu Dachschiefer zugerichtet. 

Unter Tage zählte Muskelkraft

Bevor Pressluft und Strom die Arbeit erleichterten, wurde der Schiefer mühsam von Hand aus dem Berg gelöst. Auch der Transport verlangte enorme körperliche Kraft. Schwere Gesteinsbrocken mussten mit einer Rückentrage, dem sogenannten Schuwerack, über Treppen nach oben geschafft werden. Quellen berichten von Lasten von mehr als 100 Kilogramm und von Arbeiten in Tiefen von 200 Metern und mehr. 

Staub, Feuchtigkeit, Steinschlag und Unfälle begleiteten die Männer. In der Dokumentation zum Bergbau wird die Lebenserwartung eines Arbeiters mit lediglich etwa 45 bis 50 Jahren angegeben. Wie gefährlich die Arbeit war, zeigt bis heute die Gedenkwand „All de duude Koulemänner“ auf der Herrenwiese. Dort stehen die Namen von 46 Bergleuten, die seit Beginn der Aufzeichnungen bei Arbeitsunfällen im Kaulenbachtal ums Leben kamen.

Wie weit der Bergbau in die Tiefe vorgedrungen war, lässt sich besonders an der Grube Maria Schacht ablesen. Dort wurde auf mehreren Sohlen in mehr als 200 Metern Tiefe Schiefer gewonnen. Anfang Januar 1959 drang schließlich so viel Wasser in die Grube ein, dass die Pumpen die Wassermassen nicht mehr bewältigen konnten. Die unteren Sohlen liefen voll, die Förderung wurde eingestellt. Nach Restarbeiten über Tage schloss das Bergwerk endgültig. Damit endete der Schieferbergbau im Kaulenbachtal. 

Auf den Spuren der Bergleute

Geblieben sind Stollen, Ruinen, Halden und ehemalige Transportwege. Heute führt der rund fünf Kilometer lange Schiefergrubenwanderweg mitten durch diese Hinterlassenschaften. Teile der Strecke verlaufen auf der Trasse der früheren Grubenbahn. Der Weg passiert unter anderem den Julius-Stollen und die Grube Colonia und führt weiter zur Herrenwiese. Dort erinnert der Nachbau eines historischen Spalthauses daran, wie der Schiefer einst verarbeitet wurde.

Auch die Grube Maria Schacht liegt an der Strecke. Von einem Aussichtspunkt öffnet sich der Blick über die mächtigen Abraumhalden, die heute fast selbstverständlich zur Landschaft gehören. Wer weitergehen möchte, kann den großen Rundwanderweg „Schieferregion Kaulenbachtal“ wählen. Er verbindet das Tal mit Müllenbach, Laubach und Leienkaul und führt auch zur Wallfahrtskirche Maria Martental. Die Tourismusinformation gibt die Länge mit 14,2 Kilometern an.

Wo die Arbeit verschwand, kam die Natur zurück

Seit dem Ende des Bergbaus hat sich das Tal erneut verändert. Zwischen alten Mauern, Stollen und Schieferhalden breiteten sich Wald und Gebüsche aus. Gleichzeitig blieben offene, sonnenwarme Flächen zurück. Mauereidechsen nutzen die Gesteinshalden, Felsen und Trockenrasen als Lebensraum, verschiedene Fledermausarten überwintern in den früheren Stollen.

So liegen im Kaulenbachtal heute zwei Geschichten übereinander. Die eine erzählt von Männern, die unter Tage Schiefer brachen und ihn mit großer körperlicher Anstrengung ans Licht holten. Die andere zeigt, wie sich die Natur eine aufgegebene Industrielandschaft zurückholt. 

Wer nach einer Wanderung durch das Tal wieder auf die Schieferdächer der Eifel oder der Moselorte blickt, sieht deshalb vielleicht mehr als nur ein vertrautes Material. Was heute selbstverständlich zum Ortsbild gehört, begann einst tief unter der Erde – hinter den Stolleneingängen, aus denen heute nur noch kühle Luft nach draußen zieht. red