Mit der ganzen Welt zurück in Neuwied

Nach Jahren in Kunstmetropolen findet Elmar Hermann in der Deichstadt neue Freiräume

24. September 2026
Mit der ganzen Welt zurück in Neuwied

Elmar Hermann in einer der weitläufigen Industriehallen auf dem ehemaligen Rasselstein-Areal in Neuwied. Fotos: Elmar Hermann

Wenn Elmar Hermann über Neuwied spricht, schwingt stets Faszination mit. Hier lernt er schnell Menschen kennen, aus zufälligen Begegnungen wachsen neue Projekte. Dabei hat der Künstler Erfahrungen in Düsseldorf, New York, Los Angeles und Mumbai gesammelt – Orte, an denen er studiert, gearbeitet und ausgestellt hat. Und doch ist Hermann wieder da, wo er aufgewachsen ist. 

„Kurze Wege“ sind für ihn eine wichtige Qualität des Lebens hier. Das meint er durchaus wörtlich: Er fährt mit dem Fahrrad, vieles ist schnell erreichbar. Doch es geht um mehr. „Man hat halt auch metaphorisch kurze Wege. Du triffst relativ schnell viele unterschiedliche Menschen und lässt dich von ihren Geschichten inspirieren.“ In einer Großstadt ist für ihn die Gefahr größer, sich zu verlieren. 

Dass er diese Qualität einmal so schätzen würde, hätte Hermann vor einigen Jahren selbst kaum geglaubt. Sein Weg führte zunächst weg aus Neuwied. In der Schule spielte Kunst für ihn kaum eine Rolle. Mit Freude zeichnete er schon als Kind Comics – Anerkennung oder Ermutigung gab es dafür aber kaum. „Niemand hat gesagt: ‚Mach das doch mal weiter‘.“ Erst später wurde ihm bewusst, wie wichtig solche Bestätigung gerade für junge Menschen sein kann. 

Zunächst studierte Hermann in Mainz Kunst und Deutsch auf Lehramt. Ein Schulpraktikum machte ihm klar, dass der Lehrerberuf nicht sein Weg war. Er wechselte zur freien Kunst und bewarb sich an der Kunstakademie Düsseldorf. „Um in diesem schwierigen Beruf eine Chance zu haben, wollte ich die beste Schule besuchen.“ Die Aufnahmeprüfung bestand er. 

Ein entscheidender Schritt. Er traf auf berühmte Künstler, die neue Perspektiven auf die eigene Arbeit vermittelten. Prägend war die US-Amerikanerin Rita McBride. Sie ermutigte ihn, nicht dem zu folgen, was im Trend liegt, sondern sich selbst auszudrücken – und den Humor nicht zu vergessen. „Mach Sachen, die so funktionieren, wie du bist. Es muss Spaß machen“, erinnert sich Hermann. 

Aus Zeichnungen wurden Installationen, Skulpturen und digitale Arbeiten. Ausstellungen und Stipendien führten ihn auf mehrere Kontinente. Umso bemerkenswerter ist die Rückkehr nach Neuwied. 

Denn Hermann kam nicht zurück, weil die große Welt für ihn erledigt gewesen wäre. Er fährt weiterhin nach Düsseldorf, pflegt internationale Kontakte und arbeitet über die Region hinaus. Den Anstoß für die Rückkehr gab seine Frau, die in Neuwied eine Zahnarztpraxis übernehmen konnte. Zunächst wollte Hermann davon nichts wissen. „Wir ziehen nicht zurück“, habe er immer wieder gesagt. 

Für den Meinungswandel sorgten unter anderem die Folgen der Pandemie. Plötzlich funktionierten Videokonferenzen, Seminare und internationale Kontakte auch von Neuwied aus. „Wäre das nicht gewesen, hätte ich den Schritt wohl nicht gemacht“, sagt er. 

Heute verbindet Hermann die Vorteile beider Welten. Das internationale Netzwerk ist geblieben, gleichzeitig entstehen lokal neue Verbindungen. Über Kontakte zur Stadt lernte er etwa den Unternehmer hinter dem Investor ASAS kennen. Daraus entwickelten sich gemeinsame Projekte. Auch Künstler aus seinem früheren Umfeld kommen nach Neuwied: Eine Arbeit von Rita McBride stand jüngst im Roentgenmuseum. Gemeinsam mit Gleichgesinnten hat Hermann einen Kunstverein gegründet, der Ausstellungen organisiert und eine Artothek betreibt. 

Hermann sieht in der Kleinstadt und im Bundesland durchaus Defizite. Professionelle Strukturen und Kulturförderung seien hier deutlich schwächer ausgeprägt als in Nordrhein-Westfalen. Gleichzeitig erlebt er die überschaubaren Verhältnisse als Chance: „Ich staune oft, wie viel Unterstützung ich hier finde – und wie leicht sich manche Türe öffnet.“ Demnächst wird etwa die Künstlerin Alex Strada aus New York an den Rhein kommen, um ein Projekt mit Wohnungslosen durchzuführen. 

So ist die Rückkehr für Hermann kein Abschied von der Welt, sondern eine Erweiterung des Aktionsradius. Er bringt Erfahrungen, Kontakte und Ideen aus der Ferne mit und entwickelt daraus Neues am Rhein. Die Welt ist für ihn nicht mehr unbedingt ein Ort, an den man fahren muss. Man kann sie auch mitbringen. Rainer Claaßen