Großer Klang aus einem kleinen Hunsrückdorf

Wie die Familie Stumm von Sulzbach aus über Generationen den Orgelbau am Mittelrhein prägte

24. September 2026
Großer Klang aus einem kleinen Hunsrückdorf

Die Orgel der Abtei Amorbach von 1782 war das größte Werk der Werkstatt Stumm. Ihr prächtiges Gehäuse entstand in Zusammenarbeit mit der Abtei und gilt als herausragende Leistung des Barock. Foto: Bildarchiv HW Theobald, Bonn

Wer die evangelische Kirche im Hunsrückdorf Sulzbach betritt, muss nur den Blick heben: Über dem Altar hängt eine mächtige Orgel wie ein Schwalbennest. 23 Register besitzt das Instrument – erstaunlich viel für den kleinen Kirchenraum. Gebaut wurde es 1746 von Johann Michael Stumm unter Mitwirkung seiner Söhne. Es war das letzte Werk des Mannes, mit dem eine außergewöhnliche Geschichte begann: Aus einem kleinen Hunsrückdorf heraus entwickelte sich eine Orgelbauerfamilie, deren Instrumente über fast zwei Jahrhunderte hinweg Kirchen weit über die Region hinaus erfüllten. 

Vom Goldschmied zum Orgelbauer

Johann Michael Stumm wurde 1683 in Sulzbach bei Rhaunen geboren und erlernte zunächst das Goldschmiedehandwerk. Um 1715 wandte er sich dem Orgelbau zu. Aus der Werkstatt im abgelegenen Hunsrück entwickelte sich eine Dynastie, die über Generationen hinweg stilbildend den Orgelbau prägte. Bis ins späte 19. Jahrhundert verließen über 400 Instrumente die Stumm-Werkstätte, von denen etwa die Hälfte mehr oder weniger vollständig erhalten sind. Ihr Wirkungsraum reichte vom Niederrhein und Mittelrhein bis ins Saarland, nach Luxemburg und in den Westerwald und Taunus, in den Rheingau und die Pfalz, nach Baden und in den Odenwald. Alle großen Städte in dieser Region besaßen oder besitzen Stumm-Orgeln, ebenso viele Abteien und Schlosskirchen. Keine andere Orgelbauwerkstatt konnte sich in alter Zeit jemals so lange und in einem so großen Wirkungskreis halten. Selbst heute berühmte Orgelbauwerkstätten wie die von Schnitger oder Silbermann können da nicht mithalten. 

Was heute nach Hochkultur klingt, war zunächst hoch spezialisiertes Handwerk. Holz musste lange lagern und exakt bearbeitet, Metall gegossen, Pfeifen gefertigt und die komplizierte Mechanik gebaut werden. Am Ende musste alles zu einem Instrument zusammenfinden, das für den jeweiligen Kirchenraum geschaffen war. Orgelbauer waren Schreiner, Metallhandwerker, Mechaniker und Klanggestalter zugleich.

Diese Verbindung aus Handwerk und Musik besitzt bis heute einen besonderen Stellenwert. Seit 2017 gehören Orgelbau und Orgelmusik in Deutschland zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit der UNESCO. 

Zwei Orgeln bewahren das Erbe

Wie nah diese große Geschichte ihrem Ursprungsort geblieben ist, zeigt sich im benachbarten Rhaunen. In der evangelischen Kirche steht die älteste erhaltene Stumm-Orgel. Lange galt 1723 als ihr Entstehungsjahr. Neuere Forschungen führen die Geschichte des Instruments jedoch bis 1715 zurück. Damals entstand in Rhaunen eine Orgel, an deren Bau Johann Michael Stumm gemeinsam mit seinem Lehrmeister Otto Reinhard Metzenius beteiligt gewesen sein dürfte. Eine später in der Windlade gefundene Inschrift hält fest, Stumm habe die Orgel 1723 „neu gemacht“. Nach zahlreichen Veränderungen wurde das Instrument Ende der 1970er-Jahre von der Bonner Orgelbauwerkstatt Klais restauriert und technisch rekonstruiert.

Nur wenige Kilometer entfernt wartet in Sulzbach ein zweiter Schatz. Johann Michael Stumm schenkte seiner Heimatgemeinde 1746 eine große zweimanualige Orgel. Sie besitzt 23 Register auf zwei Manualen und Pedal und gilt als sein letztes Werk. Für die kleine Dorfkirche war das Instrument ungewöhnlich groß. Vieles spricht dafür, dass Stumm es zugleich als Vorführorgel nutzte: Wer die Werkstatt besuchte und hören wollte, welche Klangfarben möglich waren, bekam hier eine eindrucksvolle Antwort. Zwischen 1980 und 1982 restaurierte die Werkstatt Klais das Instrument mit dem Ziel, sich möglichst weit am historischen Zustand zu orientieren. 

Doch das Erbe der Familie beschränkt sich nicht auf diese beiden Kirchen. Stumm-Orgeln stehen bis heute an zahlreichen Orten zwischen Hunsrück, Mosel und Mittelrhein. In der Stephanskirche in Simmern etwa befindet sich ein großes Instrument von 1782. Auch in kleinen Dorfkirchen lassen sich Werke oder erhaltene Teile der Familie entdecken. So ist über Generationen eine regelrechte Orgellandschaft entstanden.

Geschichte, die man hören kann

Das Besondere daran: Diese Zeugnisse liegen nicht stumm hinter Museumsglas. Viele der historischen Instrumente werden noch immer gespielt. Bei Gottesdiensten und Konzerten füllen sie ihre Kirchen mit Klängen, die auf jahrhundertealter Handwerkstradition beruhen. Wer sich auf Spurensuche begeben möchte, kann Kultur und Landschaft sogar miteinander verbinden. Die Traumschleife „Stumm-Orgel-Weg“ führt rund 13,8 Kilometer durch die Umgebung von Rhaunen und Sulzbach und verbindet mehrere Orte der Familiengeschichte. Informationstafeln erzählen unterwegs von den Orgelbauern; Hörbeispiele machen einzelne Instrumente auch außerhalb von Konzerten erlebbar.

In Sulzbach ergänzt die Stumm-Stube die Spurensuche. Dort erinnern unter anderem historische Werkzeuge, Dokumentationen, Mensurbretter für die Herstellung von Metallpfeifen und ein Stammbaum an die Orgelbauer. Nach vorheriger Vereinbarung lässt sich der Besuch mit der Dorfkirche und einem Orgelvorspiel verbinden. 

Dass ausgerechnet aus einem kleinen Hunsrückdorf eine Werkstatt mit einem solchen Wirkungsradius hervorging, macht die Geschichte der Stumms bis heute besonders. Ihre Orgeln waren nie dafür bestimmt, nur betrachtet zu werden. Sie sollten klingen. 

Und genau darin liegt vielleicht der schönste Zugang zu diesem Stück Hunsrücker Geschichte: Sobald sich die ersten Pfeifen mit Luft füllen und der Kirchenraum zu schwingen beginnt, werden aus drei Jahrhunderten Handwerksgeschichte wieder Musik. red

Stumm-Stube Sulzbach

Besichtigung nach vorheriger Vereinbarung.

Informationen:
Ortsgemeinde Sulzbach
Tel. 06544/991023
www.sulzbach-hunsrueck.de