Ein exotischer Traum am Rhein: Baraa Mutrage eröffnet ihr Café in Neuwied

Nach ihrer Flucht aus Syrien fand die frühere Englischlehrerin eine neue Heimat und wagte mit dem „Mokka Neuwied“ den Schritt in die Selbstständigkeit.

01. Januar 1970
Ein exotischer Traum am Rhein: Baraa Mutrage eröffnet ihr Café in Neuwied

Baraa Mutrage verbindet in ihrem Café syrische Spezialitäten mit ihrer neuen Heimat Neuwied. Foto: Rainer Claaßen

Als Baraa Mutrage vor einiger Zeit an dem leer stehenden Laden in der Neuwieder Mittelstraße vorbeikam, lockte er sie magisch an. Ganz dicht trat sie an die Scheibe heran und blickte hinein. Was sie sah, ließ einen Traum in ihr Bewusstsein kommen, den sie schon seit Jahren in sich trug: ein eigenes Café. Kurz entschlossen schrieb sie die Telefonnummer des Vermieters auf und rief an. „Ich dachte gleich: Das könnte es sein.“ 

Inzwischen ist aus dem Traum tatsächlich Wirklichkeit geworden. Heute wohnt sie über ihrem Café, steht morgens früh hinter der Theke und serviert Kaffee, Tee, Kuchen und syrische Spezialitäten. Das „Mokka Neuwied“ ist ihr eigenes kleines Stück Heimat geworden – und zugleich ein Ort, an dem zwei Welten zusammenkommen. 

Der Weg dorthin begann nicht freiwillig. 2015 wurde das Leben für Christen in der Gegend von Latakia immer unerträglicher. Im syrischen Bürgerkrieg sah Baraa keine Perspektive. Gemeinsam mit ihrer Mutter machte sich die ausgebildete Englischlehrerin auf den Weg. Tagelange Fußmärsche, eine gefährliche Überfahrt in einem überfüllten Gummiboot und schließlich eine Zugreise, für die die letzten Ersparnisse draufgingen, führten die beiden nach Deutschland. 

Von Friedland ging es zunächst nach Niedersachsen. Mutrage wollte so schnell wie möglich arbeiten. Auf den Einstieg als Pflegeassistentin folgte eine Ausbildung. Gleichzeitig lernte sie Deutsch. „Bestanden habe ich die Prüfung erst im dritten Versuch. Es war schwer, die Sprache zu lernen“, erzählt sie. Heute spricht sie nahezu akzentfrei – und ärgert sich noch immer, wenn ihr einmal ein Wort nicht sofort einfällt. 

Der überraschende Tod ihrer Mutter warf die junge Frau für einige Zeit aus der Bahn. Als sie wieder nach vorn schauen konnte, führte sie ihr Weg in ein Eiscafé. Dort sammelte sie erste Erfahrungen in der Gastronomie. Der Wunsch, selbst ein Café zu führen, entstand. „Woher der Gedanke kam, kann ich mir selbst nicht erklären. Aber es fühlte sich fast an wie eine Vorsehung.“ 

Der Lebensmittelpunkt lag damals in der Nähe von Bremen. Ein Besuch bei einem Bekannten aus Syrien brachte sie erstmals an den Rhein. Die Stadt gefiel ihr sofort. „Ich mag die Landschaft mit den Flüssen und Bergen und auch die herzlichen Menschen. Im Norden waren die Leute viel reservierter. Hier kommt man schnell ins Gespräch.“ Am liebsten wäre sie gleich geblieben. Doch die Rückmeldung des Vermieters ließ lange auf sich warten. Erst nach Monaten kam überraschend das Angebot. Obwohl sie keine Erfahrung als Unternehmerin hatte, war ihr Konzept nach vielen anderen das erste, das den Vermieter überzeugte. 

Für die Einrichtung investierte sie über Jahre erarbeitete Ersparnisse und nahm zusätzlich einen Kredit auf. Heute bietet sie ihren Gästen neben Frühstück und Kuchen auch syrische Spezialitäten an. Maamoul, Kunafa oder Halawet bringen Aromen aus ihrer alten Heimat nach Neuwied. Der Mokka wird traditionell im heißen Sandbett zubereitet und – auf Wunsch – mit Kardamom verfeinert. Viele Kunden schätzen das. 

Für Mutrage ist das Café mehr als ein Arbeitsplatz. Hier ist es ihr gelungen, etwas Eigenes aufzubauen. Nicht immer ist das Café gefüllt – doch wer einmal dort war, kommt in aller Regel wieder. Um zusätzliche Einnahmen zu erzielen, ist Mutrage weiterhin in der Pflege aktiv. An Urlaub ist für sie kaum zu denken. 

Wenn sie über ihr Leben in Deutschland spricht, berichtet sie mit großer Dankbarkeit von Menschen, die ihr Chancen gegeben haben. Auch die Stadt Neuwied und ihre Einwohner schätzt sie sehr – sie fühlt sich hier zu Hause. Im Café stellt sie mit Stolz auch die Grußworte aus, die sie vom Oberbürgermeister und der Bundestagsabgeordneten erhalten hat. 

Syrien ist für sie dennoch nicht verschwunden. Es steckt in den Rezepten, im Kardamom, im Mokka und in den Süßspeisen. Deutschland steckt in ihrer Sprache, ihrem beruflichen Weg und in dem Café, das sie sich hier aufgebaut hat. Baraa Mutrage ist es gelungen, aus zwei Welten etwas Eigenes zu gestalten. Rainer Claaßen