Der Generationswechsel im Weinbau ist sichtbar, erlebbar und ziemlich selbstbewusst. An der Ahr, der Mosel und am Mittelrhein übernehmen neue Generationen das Ruder, geprägt von frischen Ideen, anderen Prioritäten und dem Mut, Tradition neu zu interpretieren. Drei junge Winzer stehen exemplarisch für diesen Wandel.
Jonas Spurzem (28), Winzer aus Güls an der Mosel
„Ich bin in fünfter Generation Winzer auf unserem Weingut hier in Güls an der Mosel. Das war nicht selbstverständlich. Denn ich wollte nie in die Fußstapfen meines Vaters treten, was er auch akzeptierte. Heute glaube ich, bin ich gerade deshalb Winzer geworden, weil ich es nicht musste. Die Entscheidung fiel einen Tag vor dem mündlichen Abi. Während andere längst Pläne hatten, saß ich da und dachte: Jura wie mein Onkel? Für mich zu trocken. Also bin ich nach Hause gegangen und habe gesagt: Ich mache die Winzer-Ausbildung. Das Staunen war groß. Aber es war die beste Entscheidung meines Lebens. Es macht richtig viel Spaß. Und jeden Morgen gehe ich gerne hin.
Bereits während der Ausbildung in Geisenheim habe ich meine Liebe zu Burgunderweinen entwickelt. Und mein Vater hatte so viel Vertrauen in mich gesetzt, dass er mir sofort eine Fläche im Weinberg überließ, auf der ich Burgunderrebstöcke setzen und ausbauen durfte. Mit meinen Burgunderweinen bringe ich eine neue Linie, die auch auf dem Etikett Jonas’ Linie heißt, in unser Repertoire. Ich wende neue Methoden an und gehe neue Wege zum Beispiel mit Naturwein, Holzeinsatz oder Maischestandzeit. Mein Ziel ist es, Herkunft und Lage des Weins herauszuarbeiten und diese erlebbar zu machen.“
Niklas Körtgen (29), Winzer von der Ahr
„Wir sind drei junge Winzer: Felix Brüggert, Alexander Eller und ich. Gemeinsam sind wir ‚Die Jungwinzer – The Next Generation‘. Wir kennen uns schon seit Kindertagen. 2012 haben wir alle mit 16 Jahren unsere Ausbildung zum Winzer in verschiedenen Weingütern begonnen. Schon während des Blockunterrichts in der Berufsschule in Geisenheim hatten wir die Idee, unseren eigenen Wein zu machen. Mein Onkel stellte uns während unseres zweiten Ausbildungsjahres kostenlos eine Terrasse in seinem Weinberg zur Verfügung. Das war unsere Chance. Auf 700 Quadratmetern setzten wir 400 Rebstöcke, die wir nach Feierabend und am Wochenende pflegten. 2014 konnten wir unseren ersten Jahrgang ausbauen. Die 500 Flaschen Spätburgunder kamen gut an und waren relativ schnell ausverkauft. 2017 bekamen wir weitere Flächen von anderen Winzern und 2021 nach der Flut konnten wir die Flächen eines Betriebes, der aus Altersgründen aufgab, auch noch übernehmen.


Mittlerweile bewirtschaften wir 6.500 Quadratmeter und produzieren 8000 Flaschen. Ich habe inzwischen das Weingut meiner Eltern übernommen, Felix arbeitet bei uns und Alexander immer noch in seinem Ausbildungsbetrieb. Dennoch bewirtschaften wir unsere gemeinsamen Flächen weiterhin im Nebenerwerb. Hier können wir experimentieren und auch mal Fehler machen. Auf diesen Flächen können wir unsere eigenen Ideen und Vorstellungen verwirklichen. Durch neue und jüngere Interpretation des Anbaus und Ausbaus haben wir unseren eigenen Stil gebildet. Wir versuchen nun, diesen weiterzuentwickeln, um einen Wein nach unseren eigenen Vorstellungen zu machen.
Dabei versuchen wir, die Tradition mit frischen Ideen zu ergänzen. Und ich kann jungen Leuten den Beruf des Winzers nur empfehlen. Im Weinbau kann es so cool sein.“
Cecilia Jost (40), Winzerin aus Bacharach am Mittelrhein
„Als Kind war ich fasziniert von der Arbeit im Weingut. Dann kam die Realität. Weinbau ist keine romantische Idee, sondern Arbeit, Verantwortung und ein ziemlich fordernder Alltag.
Also bin ich erst einmal abgebogen und habe Archäologie studiert. Ganz losgelassen hat mich das Weingut aber nie. Um mein Studium zu finanzieren, habe ich weiter im Weinberg gearbeitet und gemerkt: Das hier ist doch mehr als nur Herkunft. Aber mein Vater hat gesagt: Wenn ich zurückkommen will, dann nicht direkt in unseren Betrieb. Also bin ich raus, habe in Baden gearbeitet und beschlossen in Geisenheim zu studieren. Während des Studiums sammelte ich Erfahrungen in Österreich und Neuseeland. Das war wichtig – nicht nur fachlich, sondern auch persönlich. Man lernt, Fehler zu machen, Dinge zu hinterfragen und den eigenen Blick zu schärfen.
Als ich 2009 zurückkam, dachte ich kurz, ich könnte die Welt neu erfinden. Aber schnell wurde klar: Die Bedingungen am Mittelrhein lernt man nicht im Ausland. Umso wertvoller war für mich die enge Zusammenarbeit mit meinem Vater – ich konnte Neues ausprobieren und gleichzeitig auf jahrzehntelange Erfahrung zurückgreifen. 2012 habe ich das Weingut übernommen.
Meine Handschrift zeigt sich vor allem im Detail. Ich habe den Ausbau von Weißwein im Holzfass wieder eingeführt – etwas, das mein Vater längst hinter sich gelassen hatte. Für mich ist das kein Bruch, sondern eine Verbindung: moderner gedacht und gleichzeitig näher an den Wurzeln.
Die größten Veränderungen betreffen jedoch den Weinberg. Durch den Klimawandel hat sich der Fokus verschoben: Nicht mehr der Zucker ist entscheidend, sondern der Erhalt der Säure. Deshalb ernte ich heute deutlich früher, um ausgewogene, frische Weine zu erzeugen und keine überreifen, alkoholstarken Typen.“ Petra Dettmer
