Das typische Geräusch zweier gefüllter Wassergläser erfüllt einen beeindruckenden Raum im Schloss Arenfels bei Bad Hönningen. Farblos mit ihren aufsteigenden Bläschen stehen sie dort auf dem Tisch. Kaum beachtenswert. Und doch leuchten die Augen der Mineralwasser-Sommelière Soledad Sichert, wenn sie über Wasser spricht, als wären es seltene Kunstwerke. Hört man der lebhaften Windhagenerin gut zu, öffnet sie einem das Tor zu ihrer Wasserwelt, die natürlich auch unsere ist. Jeden Tag, an dem wir im Restaurant bestellen, im Supermarkt kaufen oder nach dem Sport, zum Abendbrot oder zu tausenden Gelegenheiten trinken. Ganz richtig, zirka achtzigtausend Mal nehmen wir Platz, um zu essen und zu trinken. „Das möchte ich nicht dem Zufall überlassen“, lacht die Wasserexpertin. „Wenn das kein Grund ist, sich damit zu beschäftigen“, fügt sie an.
„Ich bin sehr oft umgezogen in meinem Leben, schon als Kind. Man nimmt Puppen, Spielzeug und Möbel mit, das ist immer gleich alles. Doch das Wasser nicht. Es ist überall verschieden“, bemerkte sie schon in jungem Alter. In einem Schlüsselmoment zeigte sich die damals Zehnjährige in der Dominikanischen Republik geschockt darüber, dass die Menschen dort ihr Trinkwasser kauften. In ihrer Welt sollte es verfügbar sein. Luft kaufe man schließlich auch nicht. So ließ sie das Thema Wasser bis heute nicht mehr los. Es ist nicht schwer zu verstehen, dass für die Expertin Wasser Emotion ist, denn sie wird immer lebhafter, je tiefer sie ins Wasserthema einsteigt.
Für Wasser weit gereist

Der „Wasserausbildung“ ging ein Abschluss zur Weinsommelière voraus, die sie als ehemalige Gastronomin für wichtig erachtete. Heute berät sie im Gastronomiebereich zu Wasser und Wein, erstellt für Kunden die passenden Getränkekarten. Zudem veranstaltet sie selbst Verkostungen im Schloss Arenfels. Hier können Teilnehmer passend zum Thema Genuss an einer herrschaftlichen Tafel platznehmen und vom umfassenden Wissen Soledad Sicherts schöpfen. Man kann sich gut vorstellen, wie die kommunikative Fachfrau für Wässer aller Art von Kontinent zu Kontinent reist, Menschen trifft und auch mit tieferen Themen in Berührung kommt. Wie zum Beispiel bei ihrem Ostafrika-Besuch, wo es um Teeplantagen und Wasserbrunnen ging. „Ich schaue mir an, wie dort Wasser serviert wird, wie die Menschen dort trinken und höre zu, welche Probleme es vor Ort mit Wasser gibt.“
Es geht also nicht nur um Genuss, sondern auch um das, was dahintersteht. Sie ist eine Art Botschafterin ihres Faches, wenn sie zum Beispiel im Auftrag des argentinischen Verbands der Wasserwirtschaft vor Ort Sommelierkurse gibt oder am Weltwassertag ein Tee- und Wasserseminar abhält. Das Interesse scheint groß zu sein, denn es geht schließlich nicht um ein ödes Getränk in Plastikflaschen, sondern um die Wertschätzung unserer wichtigsten Lebensquelle. In ihrer Zeit als Gastronomin konnte sie es nicht ertragen, wenn Gäste ihr Wasser stehen ließen. „Es gibt Menschen, die aus Wassermangel sterben und wir schütten es einfach weg“, gibt sie zu bedenken. Wasser sei die wichtigste Ressource auf dieser Welt und es habe natürlich einen Grund, warum unser Wirtschaftssystem so erfolgreich sei. Wir haben eben viel Wasser zur Verfügung und verschwenden es.
Wasser ist nicht gleich Wasser
Über die Vielseitigkeit des Produktes sind wir uns oft nicht so bewusst. Diese Lebensquelle schmeckt auf der ganzen Welt verschieden. Und natürlich auch die beiden Wässer auf dem Tisch, die zu einer Miniverkostung dienen. Während beide nacheinander die Kehle herunter rinnen, könnte sich der Laie fragen, was für einen Unterschied soll ich schon bemerken? Ich kenne mich ja gar nicht aus. Doch die „Übersetzerin zwischen Produkt und Genuss“, wie Soledad Sichert ihre Rolle selbst beschreibt, macht den Einstieg leicht. „Was schmecken Sie denn?“ Und schon ist man mittendrin. Wässer erzählen einem ihre Geschichte. Geschmack, Kohlensäuregehalt, Anteil des Hydrogencarbonats. Der Experte unterscheidet Aromen und Texturen. Doch jeder hat die Möglichkeit, einfach Mineralstoffe zu schmecken. „Das Salzige ist Natriumchlorid. Dann schmecke ich vielleicht etwas Süßliches, Magnesium. Fühlt man einen Belag im Mund, ist das Kalzium.“ Das ist erstmal kein Hokuspokus.
Regionale Unterschiede lassen sich leicht feststellen. Die Wässer des Nordens von Deutschland seien beispielsweise eher still, die im Süden sprudelig. Selbst die Koblenzer Region weise in verschiedenen Bereichen Unterschiede im Kalziumgehalt auf, der aber generell hoch sei. Hierbei drängt sich natürlich die Frage auf, wie es um die Leitungswasser-Trinker steht. Auch dazu hat jemand mit einer Passion für Wasser eine dezidierte Meinung: „Ich unterscheide zwischen Naturprodukten und Industriewasser. Und ich werde mich immer für Naturprodukte entscheiden. Leitungswasser ist in Deutschland nicht schlecht, aber es ist kein Naturprodukt. Daher kommt es für mich nur selten infrage. Habe ich keine Alternative, trinke ich meinen Tee auch mit Leitungswasser.
Das muss jeder für sich entscheiden. Ich habe nicht das Recht, Ihnen zu sagen, was Sie trinken sollen. Leitungswasser wird im Wasserwerk kontrolliert.“ Die Wassersommelière runzelt die Stirn. „Doch bis es zu mir nach Hause kommt, legt es viele Kilometer zurück. Ich kann nicht sagen, was auf dem Weg passiert. Ein Mineralwasser wird vor Ort kontrolliert, abgefüllt und versiegelt.“ Und dieses Mineralwasser eignet sich hervorragend zu unserem berühmten Abendbrot. Hierfür rät die Expertin für Wasser und Geschmack zu einem mittleren Kohlensäuregehalt. „1200 Milligramm sind gut, damit das Essen etwas in den Vordergrund treten kann.“ Somit kann sich jeder, der möchte, nochmal sensibilisieren und ganz privat seine Haltung und Liebe für Wasser neu justieren. Kolja Matzke
