Aus der Tiefe der Eifel ins Herz des Reviers

Die Sauerquelle zu Brohl - über Wasser, Arbeit, Herkunft und das Gefühl, dass manches bleibt

24. September 2026
Aus der Tiefe der Eifel ins Herz des Reviers

Direkt am Rhein in Brohl-Lützing liegt der Brohler Mineral- und Heilbrunnen, dessen Geschichte bis an den Beginn des 20. Jahrhunderts zurückreicht. Foto: Brohler

Es beginnt nicht mit einer Fabrik. Nicht mit einem Werbeslogan. Nicht mit einer Flasche auf dem Tisch. Es beginnt mit einer Quelle. Tief in der Erde, dort, wo vulkanische Geschichte, Gestein und Zeit zusammenwirken, liegt der Ursprung dessen, was später einmal für viele Menschen im Rheinland und im Ruhrgebiet schlicht „ein Brohler“ sein sollte: die Sauerquelle zu Brohl. Schon 1583 wird sie erstmals urkundlich erwähnt – und zwar mit beinahe ehrfürchtigem Ton. Der Arzt, Apotheker und Botaniker Jacobus Theodorus Tabernaemontanus schrieb über das Wasser: „Das Wasser reinigt und stärkt den Körper.“ Lange blieb die Sauerquelle das, was sie für die Menschen vor Ort war: ein Dorfbrunnen, ein Stück Alltag, etwas Selbstverständliches. Doch dann kam das frühe 20. Jahrhundert – und mit ihm ein Mann, der mehr in dieser Quelle sah als nur Herkunft. Er sah Zukunft. 1906 begann der Brohl-Lützinger Rheinschiffkapitän Weber, die Quelle als echten Brunnen zu erschließen. Es war ein Schritt, der Mut brauchte – und Geld. Um den Bau stemmen zu können, gründete er die Gewerkschaft Nanny, an der sich Menschen aus der Umgebung finanziell beteiligen konnten. Einer, der das Potenzial sofort erkannte, war der Duisburger Reeder Karl Schroers. Unternehmerisch klug, bestens vernetzt in die Montanindustrie und mit einem sicheren Gespür für Bedarf, dachte er größer. Im Ruhrgebiet schufteten damals Tausende Arbeiter unter härtesten Bedingungen – unter Tage, an Hochöfen, in Kokereien, in Hitze, Staub und körperlicher Erschöpfung. Schroers hatte die Idee, sie mit Mineralwasser aus Brohl zu versorgen. Es war ein einfacher Gedanke – und ein genialer. Denn Brohl lag ideal: direkt am Rhein, mit eigenem Hafen. Von dort aus konnte das Wasser per Schiff dorthin gelangen, wo der Durst am größten war. Und so wurde aus einer Quelle ein Wirtschaftskreislauf, aus regionalem Wasser ein Begleiter des industriellen Zeitalters. 1909 übernahm Karl Schroers schließlich den Brunnen und baute ihn zu einem für damalige Verhältnisse modernen Betrieb aus. Das war die eigentliche Geburtsstunde des heutigen Brohler Mineral- und Heilbrunnens. Brohler wurde zum Getränk der Arbeit. Zu etwas, das man mitnahm, trank, weiterreichte. In einer Zeit, in der Industrie Deutschland formte, war Brohler mitten darin. Und doch blieb das Wasser immer auch ein Stück Herkunft aus der Vulkaneifel – unverwechselbar, besonders, rein. Selbst Kaiser Wilhelm II. ließ sich 1915 im belgischen Spa mit Brohler beliefern. Es ist eine dieser Episoden, die fast märchenhaft wirken: Dass dasselbe Wasser, das Arbeiter im Ruhrgebiet bei Kräften hielt, auch an die Tafel des Kaisers gelangte. Als Karl Schroers 1917 starb, hätte die Geschichte kippen können. Doch sie tat es nicht. Seine Witwe führte das Unternehmen in einer Zeit weiter, in der Frauen in der Wirtschaft kaum vorgesehen waren – schon gar nicht an der Spitze. Sie tat es trotzdem. Und erfolgreich. 

Später trat mit Werner Schilling, dem Ehemann von Schroers’ Tochter Mia, die zweite Generation an. Er zog 1923 mit seiner Familie ins Rheinland und führte das Unternehmen mit strategischem Blick weiter. Die Lager in Duisburg und Dortmund wurden ausgebaut, eine eigene Schiffsflotte sorgte für regelmäßigen Pendelverkehr zwischen Brohl und dem Ruhrgebiet. Es war die große Zeit des Brohler-Wassers – und des Satzes, der sich tief ins Gedächtnis der Menschen einprägte: „Trink Brohler. Dann wird’s dir wohler!“. Es war mehr als Werbung. Es war Sprachgefühl. Alltag. Kultur. Im Ruhrgebiet bestellte man nicht einfach Sprudel. Man bestellte ein Brohler. Weitere Quellen wurden erschlossen, das Sortiment erweitert. 1942 erreichte Brohler mit 10 Millionen Flaschen einen Absatzrekord und gehörte zu den führenden Mineralbrunnen Deutschlands. 

Schwere Zeiten und Weiterentwicklung

Doch wie überall in dieser Zeit fiel auch auf diese Erfolgsgeschichte ein dunkler Schatten. Der Krieg hinterließ tiefe Wunden. Besonders im Ruhrgebiet, wo die Lager in Duisburg und Dortmund schwer beschädigt wurden. Die bewährte Versorgung per Schiff kam zum Erliegen. Bomben zerstörten Infrastruktur, Gewissheiten, Routinen. In Brohl selbst blieb das Brunnenhaus unversehrt; nur der Verladekran im Hafen wurde zerstört. Vielleicht haben deshalb die Amerikaner den Betrieb beschlagnahmt und zunächst für die Produktion von Coca-Cola genutzt – ein beinahe surrealer Moment in der Firmengeschichte. Nach dem Tod von Werner Schilling 1946 musste unter Helmuth Schilling, Vertreter der dritten Generation, das Unternehmen neu aufgebaut werden. Unter dem Namen Brolina entstanden fruchtig-süße Erfrischungsgetränke auf Basis von Brohler Mineralwasser – beliebt bei Kindern, geschätzt von Erwachsenen, pur getrunken oder gemischt. 

Ein besonders prägender Schritt gelang 1984 mit der Übernahme des Steinsieker Brunnens in Löhne. Die Quelle dort war schon seit dem 19. Jahrhundert für ihre milde, heilbringende Wirkung bekannt. Was einst als westfälisches Bauernbad begann, wurde unter Brohler zu einem modernen Standort ausgebaut. Aus „Steinbronn“ wurde „Steinsieker – Die Quelle der Schönheit“. Es folgten Investitionen, neue Abfüllanlagen, ein Ausbau des Sortiments – und eine klare Positionierung: calciumreich, gesundheitsorientiert, hochwertig. Heute zählt Steinsieker mit über 620 mg/l Calcium zu den calciumreichsten Mineralwässern Deutschlands und Europas. Das dazugehörige Steinsieker Heilwasser aus der St. Margaretenquelle wird sogar gezielt zur unterstützenden Calciumversorgung eingesetzt. Vielleicht ist genau das das Geheimnis von Brohler: dass hier nie nur Wasser verkauft wurde. Sondern immer auch ein Gefühl von Verlässlichkeit. Denn manche Marken begleiten nicht einfach nur den Alltag. Sie werden Teil davon. Kolja Matzke