Alles ändert sich – die Menschen bleiben: Familie Kircher im Neuwieder Becken

Vom Bimsabbau zum modernen Baustoffhandel – Matthias Kircher führt das über Generationen gewachsene Familienerbe mit Weitblick fort

01. Januar 1970
Alles ändert sich – die Menschen bleiben: Familie Kircher im Neuwieder Becken

Matthias und Petra Kircher (Mitte) mit ihren Kindern Andreas (rechts) und Antonia (links) sowie deren Partnern. Foto: Rainer Claaẞen

„Vor 100 Jahren wären wir hier einige Meter unter der Oberfläche gewesen“ – nüchtern schildert Matthias Kircher die Veränderungen, die in weiten Teilen des Neuwieder Beckens stattgefunden haben. Einen guten Teil dieser Historie hat er selbst miterlebt, und auch geprägt. Manch einer hat vom Abbau des beliebten Baustoffs Bims profitiert – sich während die Einnahmen flossen aber wenig Gedanken über die Zeit danach gemacht. Verantwortungsbewusstsein und die Freude daran, neue Wege zu gehen, haben bei Kircher dazu geführt, dass der Name und das Unternehmen noch heute weit über die Region hinaus bekannt sind. 

Schon Kirchers Großvater hatte Ende des 19. Jahrhunderts begonnen, die vulkanische Ablagerung zunächst für den eigenen Hausbau, später auch für den Verkauf zu nutzen. Lange Zeit wurde zweispurig gefahren: Neben dem Landwirtschaftsbetrieb half die ganze Familie auch beim Abbau von Bims und der Produktion von Bausteinen mit. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde daraus zunehmend ein Geschäft. Je nach Wirtschaftslage stand in der Familie mal die Landwirtschaft, dann wieder der Bims im Vordergrund. Strukturen ergaben sich meist von selbst – jeder brachte sich entsprechend seiner Fähigkeiten ein. 

Kirchers Vater organisierte den Betrieb, die Mutter kümmerte sich um die kaufmännische Seite – einschließlich der Einkommensteuererklärungen für die ganze Familie. Für Matthias, der 1948 geboren wurde, war es immer selbstverständlich, Teil eines Familienunternehmens zu sein. Eigentlich lag ihm auch die Landwirtschaft mehr – eine persönliche Perspektive sah er aber eher im Bereich der Baustoffe. 1968, gerade 20 Jahre alt, stieg Kircher deshalb in den elterlichen Betrieb ein. Er hatte Industriekaufmann gelernt und stellte eine Bedingung: Der Betrieb sollte professioneller aufgestellt werden. Das betraf sowohl die Unternehmensform als auch die Produktionsmethoden. Die Verarbeitung von Rohbims zu den gefragten Bausteinen wurde automatisiert. 

Doch das war nicht alles – Kircher wollte die Baustoffe auch selbst vermarkten. 1970 gründete er deshalb einen eigenen Baustoffgroßhandel. „Hier sah ich langfristige Perspektiven“, erinnert er sich. Die Idee: nicht darauf warten, dass Geld für Investitionen übrigbleibt, sondern investieren, um künftig Geld verdienen zu können. Die Zweigleisigkeit sollte sich auszahlen – kurz- und langfristig. 

Chancen nach der Wiedervereinigung wurden genutzt, im Hunsrück wurde ein Unternehmen übernommen, das auch im Einzelhandel aktiv war. So entstand ein weiteres Geschäftsfeld.

Es war klar, dass der Bimsboom, der das Neuwieder Becken über Jahrzehnte geprägt hatte, nicht ewig dauern würde. In den 1950er-Jahren gab es in der Region noch Hunderte Bimsbetriebe. Heute gibt es vielleicht noch zehn. Als die Nachfrage nach Bims zurückging und sich der Markt durch neue Produktionsstandorte veränderte, war die Konsequenz klar: 2004 wurde die eigene Bimsproduktion eingestellt. Dank der breiten Aufstellung bedeutete das jedoch nicht das Ende des Unternehmens. 

Kapital aus dem Bims floss in den Ausbau des Baustoffhandels. Standorte kamen hinzu, das Sortiment wurde erweitert, aus dem Großhandel entwickelte sich ein breiter aufgestelltes Handelsunternehmen. Was heute selbstverständlich wirkt, war damals eine bewusste Entscheidung gegen das Festhalten am Gewohnten. 

„In schlechten Zeiten müssen wir uns gut für bessere Zeiten aufstellen“, schildert Kircher seine unternehmerische Haltung. Stillstand war für ihn nie eine Option. Entscheidend sei, zu erkennen, was der Markt brauche – und zugleich zu wissen, was man selbst könne.

Ebenso wichtig dürfte allerdings die Haltung sein, die fest in der Familie verankert ist: Alle packen mit an und halten zusammen. Die Leidenschaft von Matthias Kircher überträgt sich dabei auch auf die anderen Beteiligten und die vielen Mitarbeitenden. Das gilt für seine Frau Petra ebenso wie für die Kinder: Tochter Antonia ist vor allem für den Einzelhandel zuständig, während Sohn Andreas sich um den Großhandel kümmert – jeweils zusammen mit Mann und Frau. Und auch ein Einstieg der Enkel ist durchaus denkbar. 

So erinnert heute manches an die Anfänge: Damals kam die Großfamilie zusammen, wenn Kartoffeln geerntet wurden. Heute ist es die Familie, die gemeinsam über neue Standorte, Investitionen und Strategien entscheidet. Und auch die Mitarbeiter gehören für Kircher zu dieser gewachsenen Gemeinschaft. Viele sind seit Jahrzehnten im Unternehmen. 

Offenbar hat die Familie ein besonderes Verständnis von Heimat: Es liegt nicht darin, dass alles so bleibt, wie es einmal war. Sondern darin, etwas, das über Generationen gewachsen ist, weiterzuführen – indem man es mit Gestaltungswillen und Menschlichkeit immer wieder verändert. Matthias Kircher ist geblieben, und wirkt auch heute noch im Unternehmen mit – und dieses ist nicht stehen geblieben. Rainer Claaßen