Koblenz: „Nach dem Mittagessen brauche ich Schokolade“

Im Gespräch mit Annette Lehnigk-Emden, der Präsidentin des BAAINBw, geht es um 100 Milliarden Euro, Kulturwandel und schwierige Entscheidungen – und darum, warum zwei Hunde zu Hause wichtiger sind als alles andere.

08. Oktober 2026
Koblenz: „Nach dem Mittagessen brauche ich Schokolade“

Annette Lehnigk-Emden, Präsidentin des Bundesamts für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw), spricht über Verantwortung, Führungsstil und ihre persönlichen Kraftquellen. Fotos: Petra Dettmer

100 Milliarden Euro zusätzlich, große Waffensysteme, neue Prozesse und eine Sicherheitslage, die sich seit dem russischen Angriff auf die Ukraine grundlegend verändert hat: Für das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr in Koblenz hat sich in wenigen Jahren enorm viel verändert. Und das mit praktisch derselben Zahl an Mitarbeitern. 

Frau Präsidentin, mit dem Sondervermögen ist auf das BAAINBw eine völlig neue Dimension zugekommen. Wie schafft man es, plötzlich so viel mehr Geld zu bewegen – ohne mehr Mitarbeiter zu bekommen?

Das war tatsächlich die große Frage. 2022 wurde ich gefragt: Schaffen Sie das überhaupt? Ich habe gesagt: Ja, natürlich. Und wir haben es geschafft. Die letzten Mittel werden voraussichtlich in diesem Jahr noch abfließen. Gleichzeitig kommen große Projekte wie das Kampfflugzeug F-35 oder der schwere Transporthubschrauber in die Lieferung. Wir haben mit den vorhandenen Mitarbeitern deutlich mehr Geld in Verträge und Projekte umgesetzt. 

Wie haben Sie das geschafft?

Wir haben einen Kulturveränderungsprozess gestartet. Dazu gehörte auch, dass wir rund 180 bis 200 interne Vorschriften abgeschafft haben. Am Anfang kam die Frage: „Wonach sollen wir denn jetzt arbeiten?“ Wir haben die Mitarbeiter ermutigt, kreativer und freier zu entscheiden und auf jeden Fall schneller zu sein. Viele Menschen arbeiten seit 20 oder 30 Jahren nach denselben Abläufen. Wenn man plötzlich sagt: Das müssen wir jetzt anders machen, stößt das zunächst auf Widerstand. Es hat aber funktioniert. Sie sind mitgegangen. Ein großes Lob an alle. Sie haben ihre Projekte vorbildlich umgesetzt. 

Was motiviert die Mitarbeiter angesichts dieser Belastung?

Der Krieg in der Ukraine hat vielen noch einmal deutlich gemacht, warum wir diese Arbeit machen. Wir liefern Material in die Ukraine und müssen gleichzeitig die Bestände der Bundeswehr wieder auffüllen. Wir tun etwas zum Schutz unserer Bevölkerung und zum Schutz der Truppe. Das ist eine enorme Motivation. 

Wo liegen heute die Schwerpunkte?

Wir orientieren uns an der „Pyramide des Generalinspekteurs“. Dazu gehören zunächst Aufklärung und Drohnenabwehr, dann Deep Precision Strike, also weitreichende Präzisionswaffen, und die Digitalisierung. Gleichzeitig müssen wir weg von der Vorstellung, dass wir für jedes Problem eine perfekte Einzellösung entwickeln können. Wir brauchen auch Masse. Innovation bleibt trotzdem wichtig. Dafür haben wir zum Beispiel das Innovationszentrum der Bundeswehr in Erding, über das wir auchmit Start-ups arbeiten. 

Sie gelten als eher zurückhaltende Person. Ist das Teil Ihrer Persönlichkeit?

Ja. Ich bin jetzt nicht jemand, der an der vordersten Front herumturnt und sich in den Vordergrund spielt. Ich versuche einfach, meinen Job vernünftig zu machen und die Leute zu überzeugen. Aber nicht unbedingt in der Öffentlichkeit. Ich arbeite lieber im Hintergrund und versuche, dort etwas zu bewirken. 

Sie führen das BAAINBw eher partnerschaftlich. Wie funktioniert das bei schwierigen Entscheidungen?

Ich bin nicht hierarchisch eingestellt, wenn es nicht sein muss. Ich versuche zunächst, Entscheidungen zu erklären: „Bitte mach das – und ich sage dir auch, warum.“ Kommunikation ist sehr wichtig. Diskussionen sind ausdrücklich erwünscht. Aber keine endlosen. Irgendwann muss eine Entscheidung getroffen werden. Dann sage ich auch: „Genug diskutiert. Ihr macht das jetzt so, wie ich es für richtig halte.“ Wichtig ist mir, dass die Mitarbeiter anschließend wissen, dass ihre Leistung gesehen wird. Anerkennung und Lob gehören für mich zur Führung dazu. 

Schwierig wird es vermutlich, wenn politische Entscheidungen mit der Logik der Beschaffung kollidieren.

Das ist eine der größten Herausforderungen. Wenn die Logik der Beschaffung durch politische Zwänge überholt wird, können politische Ziele von dem abweichen, was wir fachlich für sinnvoll halten. Als Beamtin habe ich eine Loyalitätspflicht. Das ist ein Balanceakt. Wenn ich etwas nicht akzeptieren kann, gehe ich zu den Verantwortlichen und diskutiere es. Das BAAINBw hat manchmal eine andere Perspektive als Berlin oder die übergeordneten Ebenen. Genau deshalb ist es wichtig, unterschiedliche Sichtweisen auf den Tisch zu bringen. 

Stichwort Beamtin. Sie wollten schon immer Beamtin werden. Aber in einem ganz anderen Bereich.

Ich wollte Gymnasiallehrerin für Mathematik und Biologie werden. Damals gab es aber einen großen Lehrerüberschuss. Also habe ich Jura studiert. Das Studium fand ich furchtbar. Erst im Referendariat habe ich gemerkt, dass mir die juristische Arbeit wirklich liegt. Ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Schon immer hat es mich beschäftigt, für Menschen einzutreten, die selbst keine Stimme haben. 

Das erklärt vielleicht auch Ihr Engagement für den Naturschutz.

Natur- und Artenschutz begleiten mich mein ganzes Leben. Bei uns zu Hause gab es immer Hunde. Aktuell habe ich einen Doodle und einen Australian Shepherd. Und der Wald war für mich immer ein Ort, an dem ich abschalten konnte. Hier habe ich für meine Abiprüfungen gelernt. Zum Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Anm. Redaktion BUND) bin ich gekommen, weil etwa 800 Meter von unserem Haus entfernt ein Basaltsteinbruch entstand. Ich wollte wissen, was man tun kann, damit solche Eingriffe möglichst natur- und menschenverträglich gestaltet werden. Denn die Natur wird ausgeraubt. Sie hat keinen Fürsprecher. Heute bin ich Justiziarin des BUND Rheinland-Pfalz – allerdings ohne Themen, die Bundeswehrbezug haben. 

Wie schalten Sie am besten ab?

Wenn ich nach Hause komme, sind die Hunde da – und alles andere ist erst einmal egal. Ich gehe mit ihnen raus, spiele mit ihnen. Die Arbeit bleibt draußen.

Das klingt nach einem wichtigen Gegenpol zu Ihrem Beruf.

Das ist es. Man muss schon mental gefestigt sein. Es gibt Menschen, die dem BAAINBw vorwerfen, es funktioniere nicht – was aber nicht stimmt. Teilweise werden auch persönliche Angriffe gegen mich gerichtet. Damit muss man umgehen können. 

Gibt es Gewohnheiten oder Rituale, auf die Sie nicht verzichten möchten?

Schokolade. Nach dem Mittagessen brauche ich etwas Süßes. Die Mitarbeiter wissen das inzwischen. Und einen Gin Tonic mit meinem Vorgesetzten, immer wenn ich in Berlin bin – natürlich erst nach der Arbeit. 

Inzwischen sind Sie auch offiziell Schängel?

Ich komme zwar aus Ochtendung, aber seit vergangenem Jahr bin ich offiziell ein Kowelenzer Schängel. Ich wurde vom AKK getauft und habe eine Urkunde erhalten, die in meinem Büro hängt. 

Was ist der beste Rat, den Sie in Ihrem Berufsleben bekommen haben?

Ab und zu mal die Klappe halten. Man muss ein Gefühl dafür entwickeln, wann es besser ist, nichts zu sagen. Das ist manchmal wichtiger als jedes gute Argument.

Und wenn Sie im nächsten Jahr mit 66 in den Ruhestand gehen?

Dann hoffe ich auf mehr Zeit für den Naturschutz. Und natürlich für meine Hunde. Petra Dettmer