Alles andere als verstaubt

Im Stadtarchiv wird die Koblenzer Historie lebendig. Dr. Katharina Thielen und ihr Team freuen sich auf den neuen Standort.

19. August 2026
Alles andere als verstaubt

Noch beherbergt die Alte Burg am Moselufer das Koblenzer Stadtarchiv - im Herbst zieht das „Gedächtnis der Stadt“ ins Forum Confluentes. Fotos: Rainer Claaẞen

Wer derzeit einen Termin im Koblenzer Stadtarchiv bekommen möchte, muss etwas Geduld und auch plausible Argumente für die Recherche mitbringen – denn das Team ist seit Monaten intensiv mit Umzugsvorbereitungen beschäftigt. Der Standort in der „Alten Burg“ – das Gebäude am Moselufer wurde im 13. Jahrhundert erbaut – passt im Grunde recht gut zu dem Archiv, in dem Unmengen an historischen Dokumenten zur Stadtgeschichte aufbewahrt werden. Aber die Architektur des historischen Gebäudes ist recht unpraktisch – und auch die Sicherheit für die unwiederbringlichen Dokumente ist hier nicht optimal gewährleistet. So freut sie die Leiterin des Archivs, Dr. Katharina Thielen, gemeinsam mit ihrem Team auf den neuen Standort im Forum Confluentes. Doch bis es im Herbst tatsächlich so weit ist, muss noch viel Arbeit geleistet werden: 

„Wir haben hier ungefähr 1.800 Regalmeter Archivgut. Das ist natürlich alles bestens dokumentiert. Aber der Umzug schafft auch eine einzigartige Gelegenheit – und Notwendigkeit – alles tatsächlich noch einmal in die Hand zu nehmen und zu überprüfen. Im Rahmen dieser Revision werden alle Dokumente auch in modernere, säurefreie Hüllen und Archivkartons verpackt, die zusätzliche Sicherheit bieten“, erklärt Thielen. 

Fünf feste Mitarbeiterinnen und ein paar helfende Hände leisten diese zeitaufwendige Arbeit. Eine wissenschaftliche Bibliothek, die weitere 600 Regalmeter beansprucht, kommt ebenso hinzu wie über 35.000 Akten, etwa 20.000 Fotografien, 1.800 Plakate sowie etwa 200 Nachlässe von Koblenzer Persönlichkeiten und einiges mehr. 

Ist die Umzugsarbeit geleistet, soll das Thema Digitalisierung vorangebracht werden. Nicht nur die Einrichtung eines digitalen Lesesaals, sondern auch die Einführung der E-Akte und eines „digitalen Magazins“ für digitale Quellen zur Stadtgeschichte zählen zu den dringendsten Modernisierungsmaßnahmen.

Archivleiterin Dr. Katharina Thielen bewegt die kompakten Rollregale, in denen ein Teil der Koblenzer Stadtgeschichte lagert.
Archivleiterin Dr. Katharina Thielen bewegt die kompakten Rollregale, in denen ein Teil der Koblenzer Stadtgeschichte lagert.

Trotz dieser Großprojekte engagiert sich das Team mit neuen Formaten wie einem Podcast und vielen Ideen im Bereich der Kultur- und Bildungsarbeit. Auch Anfragen zu den unterschiedlichsten Themen werden mit Freude unterstützt. Immer wieder bringen die Nachforschungen Informationen zu Tage, die nicht nur für diejenigen interessant sind, die die Recherchen beauftragen. 

Auf den beiden Etagen wird nicht ausschließlich Papier aufbewahrt – auch einige kuriose Stücke zählen zum Bestand. So ist etwa als Teil einer mittelalterlichen Verwaltungsakte zum Ochsenturm ein sogenanntes Kerbholz erhalten geblieben – ähnlich wie Striche auf Bierdeckeln standen die Kerben für Schulden. Sehr wenige historische Kerbhölzer sind erhalten geblieben, da diese in der Regel vernichtet wurden, wenn die Schuld beglichen war. Die älteste Urkunde des Stadtarchivs stammt aus dem Jahr 1252. Sie dokumentiert Regelungen zum Schiffsverkehr auf der Mosel. 

Wie bei privaten Umzügen kommen auch hier im Rahmen des Ortswechsels einige fast vergessene „Schätzchen“ zum Vorschein: Unter anderem eine Reihe von Bühnen-, Kostüm- und Maskenskizzen des Koblenzer Theaters aus den 60er-Jahren. 

Neben den internen Aufgaben der Stadtverwaltung und Anfragen aus dem Bereich Bauverwaltung und Liegenschaften, hängen die meisten Recherchen mit Erinnerungskultur, Ahnenforschung und Erbermittlung zusammen. In großen gebundenen Büchern und auf Karteikarten sind Personenstandsmeldungen aus Jahrhunderten erhalten. Was auffällt: Die Menschen sind früher erstaunlich häufig umgezogen – und das nicht nur innerhalb der Stadt. Ein Personenstandsregister aus dem Jahr 1944 kann Thielen zielgerichtet aus einem der großen Rollschränke ziehen: In dessen Mitte ist ein großes Loch, das wohl von einem Durchschuss mit einer Gewehrkugel verursacht wurde und so eines von vielen interessanten Zeitzeugnissen darstellt, die im Stadtarchiv aufbewahrt werden. 

Wer Archivare für wortkarg und verschroben hält, wird beim Besuch des Stadtarchivs eines Besseren belehrt: Ein fröhliches und weltoffenes Team kümmert sich hier um das „Gedächtnis der Stadt“ – und kennt sich dabei bestens mit den unzähligen archivierten Dokumenten aus. Rainer Claaßen