Vom Adlon an die Mosel

Im Interview mit Hoteldirektorin Karina Ansos wird deutlich, dass sie großes Potenzial für Koblenz sieht.

07. Mai 2026
Vom Adlon an die Mosel

Karina Ansos ist seit Februar die neue Hoteldirektorin des Fährhauses. Foto: Fährhaus/Aaron Zimmermann

Karina Ansos ist seit Februar die neue Hoteldirektorin des Fährhauses an der Mosel. Die frühere Chefin des Hotel Adlon in Berlin hat sich sehr bewusst für das Privathotel in Koblenz entschieden. Sie hat die Hektik der Großstadt verlassen, um die Möglichkeit zu nutzen, ein Hotel gemeinsam mit einem starken serviceorientierten Team nach ihren Vorstellungen zu prägen. 

Frau Ansos, was hat Sie dazu bewegt, Berlin und das Adlon zu verlassen und nach Koblenz zu gehen?

Nach über 25 Jahren bei Kempinski und nach 3,5 Jahren als Geschäftsführerin im Hotel Adlon war für mich der Zeitpunkt gekommen, etwas Neues zu wagen. Besonders die Privathotellerie hat mich schon lange fasziniert – die Möglichkeit, individueller zu gestalten und näher am Gast zu sein, hat mich letztlich zu diesem Schritt bewegt.

War dieser Schritt lange geplant oder eher eine spontane Entscheidung?

Dieser Schritt war sehr bewusst gewählt und über einen längeren Zeitraum gemeinsam mit meiner Familie geplant. Dennoch ist mir der Abschied von Kempinski Hotels nach so vielen Jahren nicht leicht gefallen. Dieses Unternehmen hat mich maßgeblich geprägt – ich durfte unglaublich viel lernen, neue Kulturen kennenlernen, wachsen und die Welt der Spitzenhotellerie erleben. Dafür bin ich bis heute sehr dankbar. 

Was hat Sie an Koblenz sofort angesprochen?

Koblenz hat mich von Anfang an durch seine besondere Lage und seine Ruhe beeindruckt. Die Verbindung Rhein und Mosel, die Nähe zur Natur und gleichzeitig die gewachsene Geschichte der Stadt schaffen eine ganz eigene Atmosphäre. Es ist eine Stadt mit hoher Lebensqualität, die ihre Stärken eher leise zeigt – genau das hat mich angesprochen und natürlich das Fährhaus Koblenz mit seinen Möglichkeiten.

Kannten Sie das Fährhaus schon vorher?

Ich hatte es beobachtet. Als das Fährhaus eröffnete, wurde viel darüber geschrieben. Als ich letztes Jahr von der vakanten Stelle hörte, habe ich sozusagen inkognito ein Zimmer gebucht, um mir das Hotel anzuschauen. Ich war begeistert. Die Architektur, das Ambiente, die Umgebung. Ich habe sofort gesehen, dass in diesem Haus sehr viel Potenzial steckt. 

Wie würden Sie den Hotelmarkt in Koblenz beschreiben?

Der Hotelmarkt in Koblenz ist überschaubar, jedoch sehr vielfältig. Es gibt eine gute Mischung aus Privathotels und bekannten Marken, wobei der Fokus häufig noch stark auf dem klassischen Tourismus liegt. Gleichzeitig sehe ich großes Potenzial im gehobenen Segment und vor allem im Bereich Individualität, da Gäste heute verstärkt nach besonderen und persönlichen Erlebnissen suchen. 

Welche Chancen sehen Sie für die Hotellerie in einer Stadt wie Koblenz?

Ich sehe große Chancen in der Weiterentwicklung des Qualitätstourismus. Koblenz profitiert von seiner einzigartigen Lage, von Kultur, Wein und Natur sowie die sehr guten Infrastruktur. Ein wichtiger Schritt ist dabei auch die Einführung des Gästebeitrags ab Oktober 2026. Die daraus entstehenden Mittel kommen der Koblenz-Touristik GmbH zugute – und genau hier sehe ich enormes Potenzial. Diese zusätzlichen Ressourcen können gezielt in Marketingmaßnahmen investiert werden, um Koblenz national und international noch sichtbarer zu machen. Darüber hinaus bietet sich die Chance, die Stadt stärker als Destination, Tagungen und exklusive Events zu positionieren. Das würde die touristische Nachfrage deutlich breiter aufstellen.

Welche Ziele haben Sie für das Fährhaus?

Mein Ziel ist es, das Fährhaus als feste Größe in der deutschen Privathotellerie zu etablieren. Wir möchten ein Haus sein, das für Qualität, Herzlichkeit und ein ganz besonderes Gästeerlebnis steht – sowohl kulinarisch als auch im Service. Gleichzeitig ist es mir wichtig, ein starkes Team aufzubauen, das die Philosophie mitträgt und weiterentwickelt. 

Was haben Sie in den letzten drei Monaten bereits verändert?

Im Restaurant habe ich zuerst die Zeiten für das Mittags-Menü bis 16.30 Uhr verlängert. Und es kommt sehr gut an. Im Hotel gibt es jetzt ein unsichtbares Housekeeping. Der Gast wird nie mehr die Reinigungswagen in den Fluren sehen. Jede Hausfee hat ihren eigenen Putztrolley, mit dem sie in die Zimmer geht. Und auch das kam beim Personal gut an. Außerdem bin ich dabei, Kooperationspartner zu finden, mit denen wir im Hotel zusammenarbeiten können.

Wo sehen Sie die größte Entwicklungschance in den nächsten Jahren?

Die größte Chance liegt für mich in der Verbindung von Regionalität und Internationalität. Gäste suchen heute authentische Erlebnisse, die sie nur an einem bestimmten Ort machen können – gleichzeitig erwarten sie aber ein Niveau, das sie aus internationalen Destinationen kennen.

Genau hier liegt das Potenzial für unser Fährhaus, die regionale Identität mit einem weltoffenen, internationalen Flair zu verbinden. Das bedeutet nicht nur hochwertige Gastronomie und exzellenten Service, sondern auch neue, kreative Konzepte, die es so vor Ort bisher noch nicht gibt. 

Können Sie Beispiele nennen?

Ich sehe großes Entwicklungspotenzial in individuellen Angeboten – beispielsweise kuratierte Genuss- und Weinerlebnisse auf internationalem Niveau, kleinere exklusive Retreats, moderne Spa- und Wellbeing-Konzepte oder auch stilvolle Veranstaltungsformate, die sich bewusst von klassischen Angeboten abheben. Gerade das Fährhaus als Boutique- und Privathotel kann es noch deutlich stärker ein eigenes Profil entwickeln. Entscheidend wird sein, echte Alleinstellungsmerkmale zu schaffen: Angebote und Konzepte, die nicht austauschbar sind, sondern eine klare Handschrift tragen und auch für internationale Gäste attraktiv sind. Wenn wir dies schaffen, diese Kombination aus regionaler Verwurzelung, Individualität und internationalem Anspruch konsequent umzusetzen, gestalten wir die Zukunft der Hotellerie in Koblenz maßgeblich mit.

Wie gewinnen und halten Sie Fachkräfte in einer kleineren Stadt?

Das ist seit jeher eine der zentralen Herausforderungen unserer Branche. Für mich steht im Mittelpunkt, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem sich Mitarbeitende wertgeschätzt fühlen und Entwicklungsmöglichkeiten haben. Gerade in einer kleinen Stadt spielen Teamkultur, persönliche Nähe und Lebensqualität eine entscheidende Rolle – das sind klare Vorteile, die wir aktiv nutzen. 

Was vermissen Sie manchmal an Berlin?

Berlin ist eine sehr dynamische und internationale Stadt – diese Energie und Vielfalt sind natürlich etwas Besonderes. Auch das kulturelle Angebot und die Spontaneität vermisse ich gelegentlich. Gleichzeitig war der Wechsel eine ganz bewusste Entscheidung für eine andere Lebensqualität. 

Was haben Sie in Koblenz gefunden, was Sie dort nicht hatten?

In Koblenz habe ich eine neue Form von Ruhe und Fokus gefunden. Die Wege sind kürzer, Entscheidungen oft direkter, und man kann Dinge sehr konkret gestalten. Zudem habe ich hier die Möglichkeit, ein Haus sehr persönlich zu prägen – das ist in dieser Form etwas ganz Besonderes.

Wie erleben Sie die Menschen hier im Vergleich zur Hauptstadt?

Die Menschen in Koblenz erlebe ich als sehr herzlich, bodenständig und offen. Es dauert vielleicht manchmal etwas länger, bis man sich kennt, aber dafür sind die Beziehungen oft nachhaltiger und persönlicher. Diese Verbindlichkeit empfinde ich als sehr angenehm und man darf auch nicht vergessen – ich bin erst drei Monate hier.

Das Gespräch führte Petra Dettmer