Aus Sicht der IHK und der Wirtschaftsjunioren: Wo sieht die Region bereits funktionierende Ansätze, auf die sich beim Thema Fachkräfte und Standortentwicklung aufbauen lässt?
Im Landkreis Neuwied bestehen bereits tragfähige Strukturen, auf die beim Thema Fachkräfte und Standortentwicklung aufgebaut werden kann. Die Fachkräfteallianz Neuwied vernetzt Unternehmen, Arbeitsagentur, Bildungsträger und Kommunen, um Übergänge zwischen Schule, Ausbildung und Beruf zu verbessern und Qualifizierungsangebote abzustimmen.
Das Junge Unternehmernetzwerk Neuwied (JUN) stärkt junge Unternehmerinnen und Führungskräfte durch Austausch, Betriebsbesuche und Impulse zu moderner Führung und Arbeitgeberattraktivität - ein wichtiger Beitrag zur langfristigen Fachkräftesicherung.
Ergänzend bündelt die Standortinitiative Wir Westerwälder kreisübergreifend Kräfte im Bereich Standortmarketing und Fachkräftegewinnung und erhöht so die Sichtbarkeit der Region im Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte.
Die IHK Koblenz leistet hierzu einen aktiven Beitrag, indem wir gezielt Formate anbieten, die Unternehmen zusammenbringen und den Aufbau tragfähiger Netzwerke fördern. Dazu zählen unter anderem Fachveranstaltungen, Branchentreffen, Arbeitskreise und Dialogformate, in denen sich Betriebe austauschen, voneinander lernen und gemeinsame Lösungen entwickeln können.
Matthias Dahmen, Kreishandwerkerschaft Rhein-Westerwald
Herr Dahmen, zeigt sich die zuletzt etwas positivere wirtschaftliche Stimmung im Landkreis Neuwied auch im Handwerk oder ergibt sich dort derzeit ein anderes Bild?
Die zuletzt etwas positivere wirtschaftliche Stimmung im Landkreis Neuwied spiegelt sich im Handwerk nur begrenzt wider - insgesamt lässt sich die Lage am treffendsten als „heiter bis wolkig“ charakterisieren. Viele Betriebe berichten weiterhin von einer grundsätzlich stabilen bis guten Auftragslage, allerdings nimmt die Zahl derjenigen zu, die eine spürbare Eintrübung wahrnehmen. Im Bauhauptgewerbe zeigt sich diese Entwicklung besonders deutlich: Der private Haus- und Wohnungsbau ist merklich eingebrochen. Mit zeitlichem Abstand trifft dies auch die nachgelagerten Bereiche wie das Ausbau- und Baunebengewerbe. Andere Gewerke zeigen sich hingegen robuster. Im Nahrungsmittelhandwerk ist die Lage insgesamt positiv, wird jedoch durch den anhaltenden Fachkräftemangel gebremst. Ein vergleichbares Bild zeigt sich im Kfz-Gewerbe, das ebenfalls von einer guten Nachfrage profitiert. Der Metallbau hält sich derzeit auf einem stabilen Niveau und bewegt sich damit ungefähr auf Vorjahreslinie. Deutlich angespannter zeigt sich hingegen die Lage im Maschinen- und Werkzeugbau: Viele Betriebe geraten zunehmend unter Druck, weil der internationale Wettbewerb spürbar anzieht. Das Gesamtbild fällt entsprechend vielschichtig aus. Während einzelne Bereiche solide laufen oder sogar positive Impulse verzeichnen, stehen andere Branchen vor wachsenden Herausforderungen.
An welchen bürokratischen Vorgängen reibt sich das Handwerk aktuell am meisten auf - eher bei Genehmigungen, Dokumentationspflichten, Förderanträgen oder an anderer Stelle?
Die Betriebe kämpfen derzeit weniger mit einem einzelnen Hemmnis, sondern mit der Summe zahlreicher bürokratischer Vorgaben, die sich über Jahre hinweg aufgebaut haben. Besonders belastend empfinden viele die stetig wachsenden Dokumentations- und Nachweispflichten - ob im Arbeitsschutz, im Datenschutz oder im Rahmen gesetzlicher Anforderungen zu Nachhaltigkeit und Energie. Der Eindruck, immer mehr Zeit im Büro und immer weniger auf der Baustelle oder beim Kunden zu verbringen, ist im Handwerk weit verbreitet.
Zusätzlich sorgt die große Unzufriedenheit mit langwierigen und komplexen Genehmigungsverfahren, vor allem im Baubereich, für Frust. Verzögerungen, Planungsunsicherheiten und steigende Kosten sind die Folge. Auch Förderprogramme werden ambivalent bewertet: Zwar wird die grundsätzliche Unterstützung begrüßt, doch die Antragstellung ist oft so kompliziert und zeitintensiv, dass kleinere Betriebe sie kaum bewältigen können - oder externe Hilfe benötigen.
Was das Handwerk besonders umtreibt, ist die wachsende Kluft zwischen gut gemeinten politischen Regelungen und ihrer praktischen Umsetzbarkeit. Viele Vorgaben orientieren sich zu wenig an den realen Abläufen in kleinen und mittelständischen Betrieben, die zunehmend an ihre Belastungsgrenzen geraten.
Die Unternehmensnachfolge ist ein wichtiges Thema. Wie groß ist der Druck im regionalen Handwerk tatsächlich und wo scheitern Übergaben in der Praxis am häufigsten?
Die Frage der Unternehmensnachfolge gehört im Handwerk zu den wichtigsten Zukunftsthemen – und der Druck ist tatsächlich hoch. In vielen Betrieben stehen in den kommenden Jahren altersbedingte Übergaben an, doch geeignete Nachfolgerinnen und Nachfolger zu finden, wird zunehmend schwieriger. In der Praxis scheitern Übergaben vor allem an drei Punkten.
Erstens mangelt es häufig an Interessenten - sowohl innerhalb der Familie als auch extern. Viele junge Fachkräfte scheuen die unternehmerische Verantwortung oder bevorzugen die Sicherheit eines Angestelltenverhältnisses. Zweitens erschweren wirtschaftliche Rahmenbedingungen die Entscheidung für eine Übernahme: Branchenunsicherheiten, hohe Investitionsbedarfe und anspruchsvolle Finanzierungen stellen für potenzielle Nachfolger eine erhebliche Hürde dar. Drittens wird der Übergabeprozess selbst oft zu spät angegangen. Die Bewertung des Betriebs, rechtliche und steuerliche Fragen oder die organisatorische Vorbereitung sind komplex und benötigen Zeit sowie professionelle Begleitung.
Allerdings zeigt die Erfahrung: Gut vorbereitete Übergaben haben weiterhin sehr gute Chancen. Doch ohne rechtzeitige Weichenstellung und attraktive wirtschaftliche Rahmenbedingungen wird es für viele Betriebe zunehmend schwieriger, den Generationswechsel erfolgreich zu vollziehen.

Fachkräftesicherung wird oft allgemein diskutiert. Welche Maßnahmen würden Handwerksbetrieben im Kreis Neuwied kurzfristig wirklich helfen - bei Ausbildung, Zuwanderung oder Weiterbildung?
Die Sicherung von Fachkräften zählt zu den dringendsten Herausforderungen im Handwerk. Benötigt werden vor allem Maßnahmen, die kurzfristig Wirkung zeigen. In der Ausbildung sehen wir eine stärkere und frühere Berufsorientierung an Schulen als zentralen Hebel. Ziel dabei ist es, junge Menschen wieder stärker für handwerkliche Berufe zu gewinnen und die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung deutlicher herauszustellen. Gleichzeitig benötigen die Betriebe verlässliche Rahmenbedingungen und weniger bürokratische Hürden, um Ausbildung überhaupt leisten zu können.
Auch in der Zuwanderung liegt aus Sicht des Handwerks großes Potenzial. Allerdings sind die Verfahren derzeit zu langsam und zu komplex. Schnellere Anerkennungsverfahren, weniger Bürokratie und eine bessere Begleitung sowohl der Betriebe als auch der zugewanderten Fachkräfte würden unmittelbar entlasten.
Beim Thema Weiterbildung geht es vor allem darum, Beschäftigte im Betrieb zu halten und weiterzuentwickeln. Dafür braucht es flexible, praxisnahe Angebote und Förderinstrumente, die auch für kleinere Unternehmen gut nutzbar sind. Fest steht: Eine einzelne Lösung gibt es nicht. Doch wenn wir an mehreren Stellschrauben gleichzeitig und vor allem pragmatischer ansetzen, können wir die Situation für viele Betriebe spürbar verbessern.
Wenn das Handwerk im Landkreis einen konkreten Wunsch an regionale Entscheider formulieren könnte: Welche Veränderung hätte für Betriebe den größten unmittelbaren Effekt?
Wenn wir einen Wunsch an die regionalen Entscheider richten dürften, dann wäre es mehr Tempo und Pragmatismus in Verwaltung und Genehmigungsverfahren. Lange Bearbeitungszeiten und komplexe Abläufe bremsen viele Betriebe spürbar aus - bei Bauvorhaben ebenso wie bei Betriebserweiterungen oder alltäglichen Genehmigungen. Schnellere Entscheidungen und klarere, praxisnahe Vorgaben hätten unmittelbare Effekte: Projekte könnten früher starten, Investitionen würden eher getätigt und die Planungssicherheit der Unternehmen würde steigen.
Gleichzeitig möchten wir jedoch betonen, dass die größten Herausforderungen nicht auf kommunaler Ebene entstehen. Ein erheblicher Teil der belastenden Vorgaben geht auf Gesetze und Verordnungen zurück, die in Berlin und Brüssel beschlossen werden. Dort werden die Rahmenbedingungen gesetzt, die die Handwerksbetriebe im Alltag spüren. Entsprechend braucht es auch auf Bundes- und EU-Ebene ein Umdenken - weniger Bürokratie, praxistauglichere Regelungen und vor allem den Anspruch, Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen. Die Kommunen können Prozesse zwar erleichtern, doch die entscheidenden Weichen werden an anderer Stelle gestellt.
Kurz gefasst: Vor Ort mehr Tempo und Pragmatismus und auf Bundes- und EU-Ebene endlich einfachere, mittelstandsfreundliche Rahmenbedingungen.
Johannes Schardt, Prokurist Syna GmbH.
Herr Schardt, der schnellere Ausbau von Energienetzen ist ein wichtiger Standortfaktor. Wie bewerten Sie die Ausgangslage im Landkreis Neuwied aus Netzperspektive?
Der Landkreis Neuwied ist aus Sicht der Syna solide aufgestellt, steht aber - wie viele Regionen - unter einem hohen Transformationsdruck im Zuge der Energiewende. Die vorhandenen Mittel- und Niederspannungsnetze bieten eine gute Basis, allerdings steigt der Ausbaubedarf durch mehr Photovoltaik, Wärmepumpen und Elektromobilität seit Jahren kontinuierlich an. Um dieser Entwicklung gerecht zu werden, setzt die Syna Verstärkungs- und Modernisierungsmaßnahmen im Netz um, damit heute und in Zukunft Last- und Einspeiseprofile integriert werden können und die Versorgungssicherheit fortwährend gewährleistet ist.
Positiv wirkt dabei die gute Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Syna, was die Planungen beschleunigt. Es braucht auch weiterhin schnelle und unkomplizierte Genehmigungsverfahren sowie klare Rahmenbedingungen, damit der Netzausbau mit der regionalen Entwicklung Schritt halten kann.
In Gesprächen mit Kommunen und Unternehmen: Wo liegen derzeit die größten Missverständnisse oder Reibungen, wenn es um Netzkapazitäten, Anschlussfragen und Zeitpläne geht?
Meist kommt es zu Missverständnissen, wenn die Erwartungen und die tatsächliche Ausgangslage des Netzes auseinandergehen. Vielfach wird unterschätzt, wie stark die Syna im Netzausbau durch den massiven Zubau von PV, Wärmepumpen und E-Mobilität gefordert ist. Häufig wird erwartet, dass Anschlüsse „sofort“ möglich sind - tatsächlich sind jedoch technische Prüfungen, Planungen und Baumaßnahmen erforderlich. Nicht zu vergessen sind dabei natürlich auch die nötigen Genehmigungsprozesse im Vorfeld sowie entsprechendes Personal, sei es bei uns oder bei unseren qualifizierten Dienstleistern.
