Der 24. Februar 2022 ist ein Datum, das sich in das Gedächtnis vieler Menschen einbrennt. Es ist der Tag, an dem Russland in die Ukraine einmarschiert. Bilder von Explosionen, fliehenden Menschen und zerstörten Städten flackern über die Bildschirme. Krieg - mitten in Europa. Ein Wort, das bis dahin weit weg klang, ist plötzlich ganz nah. Zurück bleibt ein Gefühl von Fassungslosigkeit und Ohnmacht.
Während der Alltag in Deutschland weiterläuft und die Weltpolitik nach Antworten sucht, handelt eine Gruppe aus dem Hunsrück. Nur wenige Tage nach dem Einmarsch machen sich Fabian Wieß und Christian Lautenschläger mit sechs weiteren Helfern auf den Weg ins polnische Przemyl, nahe der ukrainischen Grenze. Ihr Ziel: bedürftigen Familien, vor allem Frauen mit ihren Kindem, eine Mitfahrgelegenheit nach Deutschland anzubieten. Einfach so.
Am Bahnhof in Przemyl zeigt sich, was zuvor nur auf Bildschir men zu sehen ist. Menschen verharren in der Kälte, schlafen auf dem Boden der Halle oder suchen aufgeregt nach Mitfahrgelegenheiten. Hauptsache weg. Weg von der Ukraine, weg vom Krieg. Viele tragen nicht mehr als einen Rucksack oder eine Plastiktüte bei sich Ihr Ziel ist ungewiss, doch das Weiterkommen ist alles, was zählt.
Dennoch fällt es vielen schwer, Hilfe von Fremden anzunehmen. Zu groß ist das Misstrauen, zu unübersichtlich die Situation. Doch die Aussicht auf eine Unterkunft, auf Sicherheit, lässt vor allem die Kinder wieder aufleben. Für einen Moment kehrt so etwas wie Leichtigkeit zurück. Mit Händen und Füßen verständigen sich die Helfer, werben um Vertrauen. Als schließlich auch das einzige weibliche Mitglied des Hilfskonvois in Sichtweite tritt, löst sich die Anspannung. „Moni, Moni“, rufen die Frauen und lachen, während ihre Kinder ausgelassen kichern und aufgeregt auf und ab hüpfen.
„Genau das wollten wir bewirken“, sagt Helfer Sebastian Schröder. Indes stellt die damals 18-jährige Maryna eine Frage, die bleibt:„Warum helft ihr uns? Wieso macht ihr das?“ Sie kann kaum glauben, dass Fremde den weiten Weg aus Deutschland auf sich nehmen, um kostenlose Hilfe anzubieten. Ihr wollt doch bestimmt Geld dafür?“
Für Maryna ist es nicht nur die Unsicherheit der Gegenwart, die sie umtreibt, sondern vor allem die Sorge um die, die geblieben. sind. Ihre Eltem zum Beispiel. Kontakt gibt es nur sporadisch.
„Ich weiß nicht, wann ich sie wiedersehe“, sagt sie leise. Es ist ein Satz, der hängen bleibt. Einer von vielen an diesem Tag.
Auch andere Frauen erzählen von überstürzten Aufbrüchen, von zurückgelassenen Wohnungen, von Männem, die nicht mit durften. Von Tagen und Nächten, in denen an Schlaf kaum zu denken war. Die Erschöpfung steht ihnen ins Gesicht geschrieben - und doch versuchen sie, für ihre Kinder stark zu bleiben.
Als sich der Konvoi schließlich in Richtung Hunsrück aufmacht, breitet sich Erleichterung aus vor allem bei den 22 Ukrainem. Für sie ist diese Fahrt mehr als nur ein Transport. Sie ist ein erster Schritt in Sicherheit.
Die Autorin

Monika Pradelok (Jahrgang 1981] ist seit dem 1. Oktober 2020 für die RZ im Einsatz. Zuerst in der Lokalredaktion der Rhein-Hunsrück-Zeitung tätig, ist sie heute Mitglied der Digitalredaktion mit Schwerpunkt Social Media. Die gebürtige Duisburgerin, die beim „Trierischen Volksfreund“ volontiert hat, erinnert sich nur allzu gut an diese besondere Fahrt. Die Reise an die polnisch-ukrainische Grenze gehört zu den prägendsten Erfahrungen meiner journalistischen Arbeit. Was zunächst als spontane Begleitung eines Hilfskonvois begann, wurde schnell zu einer Begegnung mit Menschen, deren Schicksale weit über das hinausgehen, was sich aus der Distanz erfassen lässt. Die Gespräche, die Eindrücke und die unmittelbare Nähe zum Krieg haben meinen Blick verändert – auf meine Arbeit, aber auch auf das, was es bedeutet, zu helfen. Genau deswegen bin ich Journalistin geworden.“
